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Sonntag, 23. Juni 2024

Trolleybus

Wahrscheinlich sagt Ihnen das Wort Obus jetzt nichts, aber ich habe gerade durch Zufall (ich suchte eigentlich etwas ganz anderes) Abbildungen vom Bremer Obus gefunden. Das bringt mich dazu, doch mal eben einen kleinen Post über öffentliche Verkehrsmittel in den fünfziger Jahren zu schreiben, als es auf den Straßen noch so schön leer war. Meine Mutter hatte vor dem Krieg ein Auto gehabt. Genau genommen war es Opas Auto, aber der hatte keinen Führerschein. Sie hat den Wagen bei Kriegsausbruch nach Bremen bringen müssen. Hat ihn, wie tausend andere Bremer Autobesitzer, auf der Bürgerweide abstellen müssen. Hat eine Quittung von der Wehrmacht bekommen, und das war’s. Sie trauerte die ganzen fünfziger Jahre noch diesem Auto nach. Die ersten Autos sind immer die schönsten, auch wenn sie uns immer im Stich ließen. Das ist wie mit den Frauen.

Unser erstes Auto war 1950 ein blauer Opel Olympia. Der hatte keine Heizung und kein Radio, aber es war ein Auto, wer hatte so etwas schon? Damals gab es in unserer Straße fünf Autos, alle im Besitz von Ärzten. Einer besaß ein Mercedes 220 Coupé, das ich auf dem Schulweg immer bewunderte. Wenn man noch die Lieferwagen vom Milchmann Mähr (Goliath Dreirad) und die LKW der Kohlen- und Kartoffelhändler und einiger anderer Gewerbetreibender dazu zählte (plus die beiden Feuerwehrwagen), standen im ganzen Ort vielleicht zwei Dutzend Autos auf den Straßen. Dass eine Bundesstraße durch den Ort ging, merkte man gar nicht. Viele Gewerbetreibende hatten noch Pferdefuhrwerke. Unser Milchmann Martin Bogaschinski kam immer pünktlich mit dem Pferdewagen, sein Pferd wäre wahrscheinlich auch ohne ihn pünktlich gekommen. Es kannte die Strecke. Mein Onkel Gustav hatte seinen alten Kleinlaster, den meine Mutter schon vor dem Krieg gefahren hatte, und er besaß einen alten Stoewer. Nicht diesen luxuriösen Stoewer Arkona da unten, sondern einen langweiligen schwarzen Stower Greif Junior. War vor dem Krieg mit 3.300 Reichsmark das preiswerteste Modell gewesen, das die Firma baute.

Bremen war für uns in unserem kleinen Vorort weit weg. Wir gehörten auch erst seit 1939 zu Bremen. Wir brauchten die Großstadt nicht unbedingt, der kleine Ort war sich selbst genug. Our Town. Echte Vegesacker fühlten sich nicht als Bremer. Das galt für die umliegenden Ortschaften wie Aumund, Grohn, Schönebeck und Blumenthal genau so. Wir hatten unsere eigene Geschichte, gehörten mal zu Schweden, mal zu England (sprich Hannover), mal zu Frankreich. Aber nie wirklich zu Bremen.

Wir hatten (als Zentrum von dem, was heute Bremen-Nord heißt) Kirche, Volksschule, Realschule, Handelsschule, Lyceum, Gymnasium, Postamt, Finanzamt und drei Kinos. Unseren eigenen Freimarkt hatten wir auch einmal im Jahr. Nach Bremen fuhr man nur, wenn man ins Theater wollte. Oder zum Bremer SV oder Werder Bremen ins Weserstadion. Andererseits sahen Bremer auch keinen Grund, sich nach Vegesack zu begeben. Marga Berck gibt in ihrem Buch Die goldene Wolke die schöne Geschichte wieder, die Alfred Heymel seinen Gästen zum Abschied erzählt. Sie handelt von einem Freund, der sich ein flottes Pferd kaufen will, keinen langweiligen Traber. Da sagt der Pferdehändler: Dann kann ich Ihnen nur diesen Braunen empfehlen, sehr empfehlen. Wenn Sie mit dem um neun Uhr früh hier abreiten, sind Sie um zehn in Vegesack. Worauf Heymels Freund antwortet: Dann will ich das Pferd nicht haben, was soll ich denn um zehn in Vegesack?

Gut, das war zur Zeit der Jahrhundertwende, aber das zwanzigste Jahrhundert hatte es schwer, die Vororte zu erreichen, die ihren dörflichen oder kleinstädtischen Charakter bis weit in die fünfziger Jahre nicht ablegen mochten. Ascan Klée Gobert beschreibt in seinen wunderbaren Erinnerungen an die Zeit um 1900 im Hamburg, wie grundverschieden Pöseldorf von Harvestehude oder anderen Stadtteilen war. In Kindheit im Zwielicht bringt er die schöne Anekdote: Niemals wäre es umgekehrt einem Pöseldorfer eingefallen, etwa auf der 'anderen Seite', rund um die Alster spazierenzugehen. Die Frau eines Überseekaufmanns vom Mittelweg, in Hongkong befragt, ob sie wohl fast täglich mit ihrer verheirateten Tochter und den Enkeln zusammenkäme, erwiderte klagend 'O nein, sie wohnt auf der Uhlenhorst, und die Alster trennt so rasend!' Obgleich es noch keine sehr schnelle Verbindungen, geschweige Flugzeuge gab, hatten viele Kaufleute einen stets gepackten 'City-Bag' im Kontor, um jederzeit unvorbereitet nach London abfahren zu können. Vor einer Einladung nach Hohenfelde hätten sie ungläubig und mit der erstarrten Frage gesessen: 'Wie kommt man denn überhaupt dahin?' Falls Hamburger Leser das nicht gleich erkennen: so sah die Lombardsbrücke um 1880 aus.

Als ich Goberts Zacke und Loch, Kindheit im Zwielicht und Der Stundenplan las - und ich kann den Autor (der übrigens der Vater von Boy Gobert ist) unbedingt zur Lektüre empfehlen - fühlte ich mich an Kindheit und Jugend in Vegesack erinnert. Ich fühlte mich damals - wie so viele Vegesacker - nicht als Bremer. Wir Vorstädter haben auch unseren Snobismus. Marga Bercks Jugenderinnerungen Sommer in Lesmona und Die goldene Wolke sind nicht die einzigen Werke der deutschen Literatur, in denen die Bremer Vororte eine Rolle spielen. In Botho Strauß' Theaterstück Besucher wird auch die Problematik des öffentlichen Personennahverkehrs problematisiert: [Karl Joseph:] In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt, mitten im Text. Der war übergeschnappt. Auch ganz jung. Na ja... Die Rolle des Karl Joseph war Will Quadflieg auf den Leib geschrieben. Der wusste natürlich auch, wo Lesum war, er wohnte da nämlich in der  Nähe.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, als ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Onkel Gustav nach Bremen fahren durfte. Wir gerieten in Gröpelingen in eine amerikanische Militärstreife. Militärpolizisten, die Helme mit weißer Aufschrift MP trugen, waren damals überall im Straßenbild zu finden. Man hatte immer noch Angst vor den Besatzern. Die amerikanischen Soldaten wollten sich bei der Kontrolle des alten Stoewers totlachen. Der Wagen besaß nämlich keinen Tacho, lediglich einen Öldruckmesser, so was hatten sie noch nie gesehen. Der Fahrtrichtungsanzeiger hieß damals noch Winker und klappte seitlich aus der Karosserie heraus; ein richtiges Trittbrett besaß der Wagen nicht mehr, so modern war er doch schon. Die Türen gingen nach vorne auf. Ich bin mal in Bremen in einer Kurve mit der Beifahrertür, an die ich mich dann klammerte, aus dem Wagen geflogen. Kam aber am Ende der Kurve wieder mit der Tür in den Wagen zurück. Davon sagst Du zuhause aber kein Wort, schärfte mir Gustavs Chauffeur ein.

Wenn man von Vegesack nach Bremen wollte, konnte man natürlich mit der Bahn fahren. Aber meistens nahm man den Bus (der gemeinhin auch Bummelbus hieß), weil man mit dem Fahrschein auch in dem Bremer Straßenbahnnetz weiterfahren konnte. Wer immer den Schnack aufgebracht hat, dass Bremen ein Dorf mit Straßenbahn ist, es ist etwas dran. Konrad Weichberger hat sogar Gedichte geschrieben, in denen die Bremer Straßenbahnen vorkamen. Der Bus der BVG (Bremer Vorortbahnen GmbH) fuhr allerdings seit 1924 nur bis Burgdamm. Das Busfahren soll damals nicht unbedingt ein Vergnügen gewesen sein. So heißt es in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Bremer Straßenbahn AG von 1976: Die Fahrgäste wurden auf dem Kopfsteinpflaster der Vorort- und Landstraßen noch derart durcheinander geschüttelt, dass viele davon ,seekrank' wurden und den Wagen an der nächsten Haltestelle fluchtartig verließen. In Burg musste man in dem sogenannten Gummibahnhof umsteigen (so etwas heißt heute ZOB). In eben den besagten Obus. Der hieß auch Trolleybus, steht aber als Obus in dem Gesetz, das Personenbeförderungsgesetz heißt: Obusse im Sinne dieses Gesetzes sind elektrisch angetriebene, nicht an Schienen gebundene Straßenfahrzeuge, die ihre Antriebsenergie einer Fahrleitung entnehmen. Die Wörter Gummibahnhof, Obus und Trolleybus sind heute aus der Sprache verschwunden, zu meinem Leben gehörten sie aber dazu. Wenn Sie alles über die Geschichte dieses inzwischen in seiner Existenz bedrohten Fahrzeugswissen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Die Trolleybusse (die einen Anhänger hatten, das gibt es heute bei Bussen nicht mehr) zwischen Burg-Lesum und dem Straßenbahndepot in Gröpelingen fuhren von 1949 bis 1961. Die Amerikaner hatten dieses Gefährt verordnet, weil ihnen die Straßenbahn der Linie 8, die früher bis Burgdamm reichte, in der Mitte der alten Reichsstraße zu gefährlich erschien. In Amerika waren Trolleybusse damals eine ganz große Sache. Man kann auf dem Photo ganz oben auch noch sehen, dass der Bus das Nummernschild AE (für amerikanische Enklave) trägt. Bis zum Jahre 1945 war es HB gewesen (wie hier an diesem Opel Admiral), fünfzig Jahre nach der Einführung des HB-Kennzeichens im Jahre 1906 bekommt die Hansestadt Bremen das HB wieder zurück.

Ein Jahr später kam das Ende für Gummibahnhof und Obus: Da die Obuslinie den Straßenbahnbereich Bremen und den Autobusbereich Bremen Nord verband, mußten die Fahrgäste auf dieser Strecke zweimal umsteigen. Es war schon seit längerer Zeit geplant, hier eine betriebliche Verbesserung zu schaffen durch Heranführen der Autobuslinie aus dem Raume Bremen Nord an das Straßenbahnnetz (Gröpelingen), wodurch nur noch einmaliges Umsteigen erforderlich ist. Hinzu kam, daß wir durch das in § 32a StVZO festgelegte Verbot des Mitführens von Anhängern hinter Kraftomnibussen bei Aufrechterhaltung des Obusbetriebes gezwungen gewesen wären, neue Obusfahrzeuge (Gelenkwagen) zu beschaffen, denn ein Obusbetrieb ohne Anhänger wäre auf dieser Strecke unwirtschaftlich gewesen. So haben wir dies als Anlaß genommen, die bereits geplante Maßnahme durchzuführen und ziehen ab 6.11.1961 die Autobuslinie N1 bis Gröpelingen durch. Daneben verkehrt die Linie 8 (als Autobuslinie) weiterhin zwischen Gröpelingen und Burgdamm. Auf beiden Linien werden Gelenkbusse eingesetzt.

Weshalb man für die sieben Kilometer Strecke die Trolleybusse angeschafft hatte, statt den Bus gleich bis zum Straßenbahndepot in Gröpelingen (oder weiter) durchfahren zu lassen, habe ich nie begriffen. Dass das mit dem Bus funktionierte, bewies der Schnellbus zwischen Vegesack und Bremen. Der war zwar ziemlich teuer, bretterte aber ohne Halt durch. Den habe ich nur zweimal benutzt. Man sparte damals an den Gebühren für den Nahverkehr und fuhr mit dem preisgünstigsten Verkehrsmittel. Wie anders ließe sich die Bremer Straßenbahnunruhen (auch der Große Schüleraufstand genannt) in den sechziger Jahren sonst erklären. Zwanzig Pfennig Erhöhung und in der ganzen Stadt Krawall. Siebzig Pfennich – lieber rennich! hieß die Devise. Von solchen Fahrpreisen träumt man heute. Hundert Jahre zuvor, als der Omnibusverkehr eingeführt wurde, kostete die Fahrt (ohne Rücksicht auf die Entfernung) zwei Silbergroschen. Heute sind es zwei Euro und vierzig.

Straßenbahnunruhen. Much ado about nothing? Oder liegen dem Bremer seine Straßenbahnen und Omnibusse so am Herzen? Ich weiß es nicht, weil ich zur Bremer Revolutionszeit entweder nur in Vegesack oder bei meiner Freundin in Oberneuland war. Oder bei Dr Proksch auf dem Sofa hockte. Und längst ein Auto hatte. Mit dem man natürlich nie von Vegesack nach Bremen fuhr. Es gab zwar keine amerikanischen Militärstreifen mehr, aber es gab auch keine Parkplätze in Bremen. Die Zeiten, da man noch auf dem Marktplatz vor dem Firmensitz der Degussa parken konnte, waren lange vorbei. Ja, da links, da waren mal Parkplätze. Doch die Straßenbahn fährt immer noch am Rathaus vorbei, das finde ich sehr beruhigend. Weil es eine der wenigen Konstanten in Bremen ist.

Die alte Straße von Fegebüdel nach Bremen gibt es immer noch, sie zeigt mit ihren Namen unmissverständlich, weshalb sie einmal angelegt worden war: Vegesacker Heerstaße, dann Lesumer Heerstraße, Grambker Heerstraße, Oslebshausener Heerstraße, Waller Heerstraße. Inzwischen ist Vegesack durch Autobahnen an Bremen angebunden. Meine Mutter hat die neu gebaute Stadtautobahn nie befahren. Weil die über das kleine Stück Land ging, das Opa mal in Aumund gekauft hatte. War nichts als ein riesiger Schrebergarten mit einer hohen Hecke drum herum, aber wir bauten dort Kartoffeln, Obst, Bohnen und Erdbeeren an. Wurden im Zuge des Planfeststellungsverfahrens enteignet. Man brauchte ja unbedingt eine Stadtautobahn. Die ist heute immer schön leer. Auf dem Teilstück, das über unser Land geht, fährt kaum jemand. Will heute noch jemand nach Bremen?

Die Leute fahren an Bremen vorbei, weil sie zu Dodenhof wollen und dann Kilometer vor der Abfahrt Posthausen die Autobahn verstopfen. Jedes Wochenende. Wie die Lemminge. Will noch jemand von Bremen nach Vegesack? Der Satz Dann will ich das Pferd nicht haben, was soll ich denn um zehn in Vegesack? hätte heute nichts mehr mit dem elitären Snobismus des Kreises der Goldenen Wolke zu tun. Der Ort ist soweit heruntergekommen, dass man sich für ihn schämen muss. Wozu dann noch die ganze Verkehrsanbindung? Aber wir haben neben dem alten roten Backsteingebäude des Bahnhofs einen Busbahnhof, der von verkehrstechnischem Größenwahn zeugt. Hätte man früher nicht gebraucht. Warum müssen nur alle immer unterwegs sein? Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Ich musste den Philosophen Blaise Pascal mal eben zitieren, denn das ist derselbe Blaise Pascal, der nicht wollte, dass die Menschen im Zimmer blieben. Der wollte, dass sie seinen gerade erfundenen ➱Pariser Omnibus benutzen. Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch.

Für den Anton Reiser von Karl Philipp Moritz und für Friedrich Engels war Vegesack noch ein erwähnenswerter Ort. Im 19. Jahrhundert schreibt ein Reiseführer von dem freundlich gelegenen, reinlichen Städtchen, die Heimat der verlassenen hübschen Frauen der Bremer Capitains. Reinlich ist es da heute nicht mehr, und hübsche Frauen gibt es da wahrscheinlich auch nicht mehr. In den siebziger Jahren hat man den halben Ort plattgemacht. Mit dem Abriss der 250 Jahre alten Sonnenapotheke in der Hafenstraße begann es, danach kommt eine Flächensanierung. Was das Städtebauförderungsgesetz nicht alles an Interpretationen hergibt! Es ist ein Wunder, dass man das Havenhaus aus dem 17. Jahrhundert hat stehen lassen. Man träumte damals von einem fünfspurigen Fährzubringer, der auf der anderen Weserseite nach Oldenburg führen sollte. Der ist allerdings nie gebaut worden, dafür war der alte Ortskern unwiederbringlich zerstört. Aber wir haben jetzt hervorragende Verkehrsanbindungen und diesen überdimensionierten Busbahnhof.

Ich möchte heute am Sonntag auch das Geburtstagskind in Hamburg grüßen, einen Mediziner, der wahrscheinlich nicht Dr. med, sondern Dr. omnibus ist. Weil er als Arbeitsmediziner alles über die Arbeitsbedingungen der Hamburger Busfahrer weiß. Wobei ich allerdings nicht weiß, ob er jemals in einem Trolleybus gefahren ist. Sie können ihn übrigens ➱hier sehen. Was er da erläutert - das Haus der Arbeitsfähigkeit - ist ein Modell, das aus Finnland kommt. Mit dem führenden finnischen Arbeitsmediziner Prof. Dr. Juhani Ilmarinen hat das Geburtstagskind auch gerade das Buch Arbeitsleben 2025 veröffentlicht. Diese Schleichwerbung musste mal eben sein, sozusagen als Geburtstagsgeschenk. Happy Birthday, Jürgen Tempel!

Donnerstag, 22. Februar 2024

Photos, ungeordnet


Ich ging mit meinem Opa den Weg zum Weyerberg hinauf, links von uns in dem kleinen Wäldchen war ein Mann mit einer Baskenmütze bei der Gartenarbeit. Das ist Hans Saebens, sagte mein Opa. Musste ich den kennen? Ich fragte Opa, wer Hans Saebens sei. Ein berühmter Photograph, sagte er. Ich hatte noch nie von ihm gehört, ich war ja noch jung. Aber zehn Jahre später, als ich zu photographieren begann, da kannte ich seine Bilder. Jetzt habe ich mehrere Bücher über ihn. Das war noch alles Schwarzweiß Photographie, mit kleiner Blende photographiert, knallscharf. 

Und mit viel Gelbfilter, damit die Wolken so schön herauskamen. 13 DIN Film und mit Neofin Blau entwickelt. Den Horizont tiefgelegt wie die Holländer; er wusste, wie man es macht, er hatte ja als Landschaftsmaler in Worpswede angefangen: Es gelingt ihm, das Charakteristische der norddeutschen Tiefebene in dramatischen, stimmungsvollen Aufnahmen festzuhalten. Das weite Land und die mächtigen Wolkenzusammenballungen werden in deutlich voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Bildzonen festgehalten. Vor allem seine späten Aufnahmen sind durch Sparsamkeit der Ausdrucksmittel und strenge Komposition gekennzeichnet.

Er war durch Zufall zur Photographie gekommen, hatte sich 1930 eine Leica gekauft. Er photographierte nicht nur Worpswede, er photographierte sich auch durch ganz Bremen. Das Focke Museum besitzt 26.000 Photos von ihm. Zu seinem sechzigsten Todestag zeigte das Museum die Ausstellung Bilder für Bremen 1930-1959. Dies Bild vom nächtlichen Herdentorsteinweg ist eins davon. Dreißig Jahre zuvor hat es in der Bremer Landesbildstelle die Ausstellung Hans Saebens Photographien 1930-1959 gegeben. Bei booklooker will ein Händler 390 Euro für den Katalog haben, da bin froh, dass ich den besitze.

Photobücher sind teuer geworden, noch teurer sind Originalabzüge eines Photos. Zum Beispiel einer der 1.300 Abzüge, die Ansel Adams von seinem Moonrise, Hernandez, New Mexico gemacht hat. Der teuerste Abzug brachte vor Jahren bei Sotheby's 685.000 Dollar. Die Reproduktion, die in meinem Flur hängt, hat auch schon Geld gekostet. Im Shop der Familie von Ansel Adams, die seine Bilder vermarktet, kostet das Bild zweihundert Dollar. Es gibt nur ein einziges Negativ von dem Bild, Adams hat die Abzüge im Labor immer wieder verändert: Attempting to convey the intensity of his experience watching the moon rise over this austere landscape, Adams progressively increased the contrast in the prints, heightening the moon’s whiteness and deepening the sky’s darkness, steht auf der Seite des MoMa. Der erste Abzug hat wahrscheinlich so ausgesehen wie auf dem linken Bild.

Ich besitze nur ein einziges Photo, das von einem Photographen signiert ist, und das sieht so ähnlich aus wie diese Postkarte hier. Bei mir ist nur noch ein großer Frachter in der Bildmitte. Der Photograph muss für dieses Bild der Weser bei Vegesack auf die Balustrade vor der Villa Fritze geklettert sein, um diesen Blick über den Stadtgarten auf die Weser präsentieren zu können. Mein Bild ist 27 x 39 cm groß, es ist unten rechts signiert Erich Maack. Der ist auch der Photograph der Postkarte, die er in seinem Laden unter dem Titel Vegesack, die Stadt am hohen Ufer verkaufte. Das Bild hat mich gerahmt bei einem Hinterhofhöker zehn Mark gekostet; wie es dahin gekommen war, weiß ich nicht.

Dieses Bild konnte man 1940 auch bei Maack als Postkarte kaufen, es zeigt das Rathaus von Aumund. Das Haus kenne ich, weil ich da meinen Führerschein abgeholt habe, damals war das Straßenverkehrsamt in dem Gebäude. Was ich allerdings nicht wußte, und was wohl in den sechziger Jahren wenige wußten, war die Tatsache, dass diese 1860 erbaute ehemalige Villa der Reederfamilie Lange in den vierziger Jahren der Sitz der Gestapo war. Wahrscheinlich wußte das Erich Maack auch nicht.

Was Erich Maack normalerweise photographierte, also neben Konfirmations- und Paßbildern (und dem Portrait meiner Mutter im Abendkleid mit Silberfuchsstola), waren die Schiffe des Bremer Vulkan und der Lürssen Werft. Fünfzehntausend Photos vom Vulkan sind im Bremer Staatsarchiv archiviert, die Lürssen Werft, für die er 4.500 Bilder gemacht hat, hat heute ihr eigenes Archiv. 

Wer Erich Maack war und was er machte, das wußte ich schon, als ich jung war. Auch wenn ich damals noch nicht wußte, wer Hans Saebens war. Ich war mit Erich Maacks Tochter Annegret in der Volksschule in einer Klasse. Sie ist in diesem Blog schon an zwei Stellen aufgetaucht. Dass sie so schön singen konnte, steht in dem Post Ingeburg Thomsen, und in dem Post Hafenrundfahrt kann man sie auf einem Photo sehen. Sie ist die kleine mit dem Pagenkopf rechts neben der großen blonden Gabi. In dem Post Photographieren steht viel über das Photogeschäft, das Erich Maacks Vater Fritz Maack dem Photographen Gustav Dähn 1932 abgekauft hatte. 1992 hatte Erich Maack das Geschäft seinem Sohn Dieter übergeben; der Dieter ist gerade im Alter von einundachtzig Jahren gestorben, und damit hat die Photographie in Vegesack nach neunzig Jahren ein Ende gefunden. Heute knipst ja jeder mit dem Handy. Der Bremer Vulkan braucht keinen Photographen mehr, die Werft gibt es nicht mehr.

Das Photographieren gehörte in den fünfziger Jahren zu unserem Leben, also bevor wir entdeckten, dass es auch Frauen und französische Filme gab. Ekke und ich hatten ein kleines Photolabor in den Häusern unserer Eltern, Peter war der erste, der eine Spiegelreflex Kamera besaß, Gert hatte von seinen Eltern eine alte Leica geschenkt bekommen. Manche von uns wurden Photographen, wie meine Klassenkameraden Bernd Wurthmann und Eberhard Petzold. Der Eberhard photographiert Schiffe und hat damit großen Erfolg. Also, er photographiert nicht nur Schiffe, wie Erich Maack oder Hans Saebens (der hier einen Neubau auf dem Vulkan photographiert hat) das getan haben. Das hätte er er auch vom Schönebecker Sand aus tun können. Es geht ihm um die Darstellung der weltweiten Schiffahrt, dafür ist er auch jahrelang auf Handelsschiffen mitgefahren. 

Die Monika, die dieses Photo von der Gudrun gemacht hat (und auch das Photo von mir in dem Post Ziggis), wollte eigentlich Photographin werden. Sie hatte eine tolle Photoausrüstung, dies Bild hier ist mit einer Rolleiflex gemacht worden. Mone hat eine Ausbildung als Photographin gemacht, hat es sich dann aber anders überlegt, hat Kunstgeschichte studiert und bei Erich Hubala promoviert. Den kenne ich, weil er einer meiner Prüfer im Fach Kunstgeschichte war. Er taucht auch noch ohne Namensnennung gleich am Anfang von dem Post Palladio auf.

Wer dieses Bild gemacht hat, weiß ich nicht, aber ich weiß, wer die Frau auf dem Bild ist. Und dass das Wort Danger etwas mit ihr zu tun hat. Die Mone hat eine Vielzahl von Bildern von Gudrun gemacht, ich habe von beinahe allen einen Abzug. Die Aneignung von Bildern ist wie die Aneignung einer Person, da bin ich wie Proust mit seiner Liebe zu Photographien. Ich habe der Gu damals gesagt, dass sie ohne Frage ein Model werden könnte. Vielleicht für die Firma Marimekko, deren Kleider sie so gerne trug. Das Bild in dem Absatz da oben, wo sie mit dem weißen Regenmantel vor der Strandlust steht, gefällt mir am besten. Außer den Bildern, die Mone in Dänemark von uns gemacht habe. Wenn ich einen Scanner hätte, dann könnte man jetzt hier das Bild von Gudrun im Bikini in den Dünen von Hennestrand sehen.

Statt des Bikinibilds habe ich an dieser Stelle ein ganz anderes Bild von ihr, und ich muss dazu vorweg sagen: das ist richtige Kunst. Auch wenn es nicht so aussieht. Es ist ein Unikat von einem amerikanischen Professor für Photographie namens ✺David Van Allen. Der hatte zuvor eigentlich normale Portraits mit seiner Nikon geknipst, aber dann wurde er von den multiple images von David Hockey beeinflusst: I encountered the photographic work of the English painter, David Hockney, in the 1980’s and started experimenting with multiple images fragments to create an image that possessed a larger, more humanly perceptible sense of time and space. Auf seiner Homepage können wir lesen: I make life-size, film-based, multiple-image, photographic portraits. Several moments in time and several points of view are incorporated into the creation of one of these portraits. They take a couple of months to assemble and cost between $1.000 and $3.000. Für diese Gudrun will er fünftausend Dollar haben.

Hier hat er sie noch einmal photographiert, das steht sie rank und schlank neben der Collage; sie ist fünfundfünzig Jahre alt, sieht aber jünger aus, forever young. Wenn Sie auf dieser Seite mit dem Scanner über die Figur gehen, können Sie sehen, wie das Ganze zusammengesetzt ist. Ich mag die wirkliche Frau lieber als das multiple-image, photographic portrait. Ich frage mich nur, warum will er es verkaufen? 

Als er das seltsame Photo machte, hatte er eine Affaire mit seinem Modell, aus der für Jahre eine long distance relationship wurde, sie in Mexico, er in Iowa. Nach ihrem Tod hat er mir geschrieben: Even though we split up, I was still very fond of her and her death was a big assault to my heart. Er hat dann noch eine Adresse beigefügt, wo man seine ganzen Collagen bewundern konnte. Und eine Preisliste. Aber für diese Art der Photographie würde ich kein Geld ausgeben. Für einen Handabzug von Moonrise, Hernandez, New Mexico schon. Und ich habe die Gudrun lieber so wie auf diesem Photo.

Samstag, 3. Februar 2024

drei Ecken, ein Elfer


Wir spielten noch in der Dämmerung. Hätten wir nicht zum Abendessen zu Hause sein müssen, wir hätten noch gespielt, bis es ganz dunkel wurde, bis man den Wasserturm nicht mehr sehen konnte. Und wir hätten wahrscheinlich in der Dunkelheit noch das Tor getroffen. Das Tor war kein richtiges Fußballtor, die Pfosten waren der Baum in der Mitte des Sedanplatzes und ein Haufen von Jacken und Pullovern. Wir waren in der Volksschule, die dank der amerikanischen Besatzer damals sechs Jahre dauerte. 

Der Begriff Straßenfußballer war noch nicht gebräuchlich, aber das waren wir, Straßenfußballer. Unser Leben fand in der Nachkriegszeit sowieso auf der Straße statt. Meine besten Freunde waren Arbeiterkinder, die waren die besten Fußballer. Die wurden immer zuerst gewählt, wenn die Mannschaften verteilt wurden. Ich nur ganz zum Schluss. Dabei trainierte ich Dribbeln im Keller, weil ich im Dribbeln so gut wie Stanley Matthews oder als Verteidiger so gut wie „Sense“ Ackerschott von Werder Bremen sein wollte. 

Am Wochenende nahm mich mein Vater mit nach Bremen zum BSV, bei dem er vor dem Krieg mal in einer Amateurmannschaft gespielt hatte. Als die trotz ihres hervorragenden Torhüters Hans Stephan abstiegen, gingen wir zu Werder ins Weserstadion, die mit Dragomir Ilic einen noch besseren Torwart hatten. Aber in der Woche hieß unsere Welt Sedanplatz, auf dem damals noch keine Autos parkten. Echte Spielfeldgrenzen gab es nicht, doch die Regel „Drei Ecken, ein Elfer“ galt immer. Der Baum in der Mitte des Platzes war kein einfacher Baum. Es war eine deutsche Eiche aus Bismarcks Sachsenwald, die die Sedaneiche hieß. 

Sedan war ein Wort, das großartig klang, das für meinen Opa etwas bedeutete. Obgleich er erst elf Jahre nach der Schlacht geboren wurde, klang der Deutsch-Französische Krieg in seinen Erzählungen immer so, als sei er dabei gewesen. Und sein ewiges Metz, Toul und Verdun habe ich heute immer noch im Kopf. Der Krieg, bei dem er dabei gewesen war, kam erst später. In der ersten Flandernschlacht erhielt der Hauptmann der Reserve aus Vegesack sein Eisernes Kreuz. Eine Sedaneiche gibt es in manchen deutschen Städten heute immer noch. Und man kann sie im Baumarkt kaufen, da bezeichnet Sedaneiche allerdings einen Laminatfußboden.

Im Gegensatz zu der angeblichen Großartigkeit der Schlacht machte der Platz nichts her. Einmal in der Woche Wochenmarkt, einmal im Jahr Vegesacker Markt. Vorne war die Gerhard-Rohlfs-Straße, die damals noch die Bundestraße 75 war. Der Fernverkehr rauschte ungehindert durch den Ort. Ampeln gab es nicht, nur bei Többens war ein Zebrastreifen. Dass Walter Caspar Többens ein (später als „Mitläufer“ eingestufter) Kriegsverbrecher war, wussten wir damals nicht. Gegenüber dem Geburtshaus von Gerhard Rohlfs war eine Bushaltestelle der BVG. Daneben war Scheffels Würstchenbude, deren Bratwurst gut war, aber nie so gut wie die bei Könecke in Bremen. Neben Scheffel war ein kleiner Kiosk, wo man Zeitungen und „Prickel Pit“ kaufen konnte, da holte ich immer für Opa seine Stumpen und die Jerry-Cotton-Hefte, die er im Alter leidenschaftlich gerne las. Weshalb weiß ich nicht. Als Kind versteht man die Erwachsenen sowieso nicht.

Am Ende des Platzes war die Reeperbahn der Seilerei Georg Gleistein. Ein trister grauer Bau, der sich beinahe vierhundert Meter lang bis zum Fährgrund hinunterzog. Dahinter lag Aumund, das war ein anderer Ort. Vegesacker gingen nie nach Aumund, wir Kinder erst recht nicht. Die Straße mit der grauen Mauer der Reepschlägerbahn taucht manchmal noch in meinen Träumen auf, je älter man wird, desto mehr träumt man von der Kindheit. Ich bekam vor Wochen ein Foto vom Sedanplatz zugeschickt, wie er heute aussieht. Ich weiß schon, wie wahr der Romantitel You Can’t Go Home Again von Thomas Wolfe ist, ich hätte das Bild nicht gebraucht.

Samstag, 30. Dezember 2023

Dampfschiffe


Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büßen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuss
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss
.

Steht auf dem Weserstein in Hannoversch Münden, weiß jedes Kind. Hannoversch Münden (damals noch einfach Münden) steht hier heute im Mittelpunkt des Interesses, weil da die Barbaren von der Mündener Schiffergilde vor 313 Jahren eine bahnbrechende Erfindung kaputt gemacht haben: das erste Dampfschiff in Deutschland.

Nun sind wir in meinem Heimatort Vegesack immer bannig stolz darauf gewesen, dass das erste Dampfschiff Deutschlands 1817 bei uns gebaut wurde. Hieß passenderweise Weser und wurde auf der Langeschen Werft, gleich neben dem Vegesacker Hafen gebaut. Zuerst hatte man sich ja in England umgeguckt, um ein Dampfschiff zu kaufen, hatte aber nichts Richtiges finden können. Also baut man es jetzt selbst. Schiffe bauen, das kann Johann Lange schon, aber ein Dampfschiff, das hat er noch nie gebaut. Das können nur die Engländer. Na ja, das konnte offensichtlich auch der Mann im Jahre 1707, von dem gleich noch die Rede sein wird, den man aber völlig vergessen hatte.

Hinter dem ganzen Projekt steckt ein junger Ingenieur aus Bremen, der Ludwig Georg Treviranus heißt und der eine Art Daniel Düsentrieb ist. Der kommt aus einer berühmten Bremer Familie, seine beiden Brüder sind geachtete Naturwissenschaftler. Ludwig Georg interessiert sich für das Linsenschleifen und für Fernrohre. Wenn Sie diesen Blog lesen, dann wissen Sie natürlich, dass Lilienthal bei Bremen jetzt das Zentrum der deutschen Astronomie ist. Und so landet unser Ludwig Georg Treviranus folgerichtig durch die Vermittlung von Dr Heinrich Wilhelm Olbers eines Tages bei dem berühmten Sir William Herschel in England. Aber da verliert er plötzlich das Interesse am Linsenschleifen und interessiert sich nur noch für Dampfmaschinen. Was das ist, wissen wir dank der unsterblichen Definition vom Lehrer Bommel in der Feuerzangenbowle: Wat is en Dampfmaschin? Da stelle mer uns janz dumm und da sage mer so: En Dampfmaschin dat is ene jroße schwarze Raum. Der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch dat is de Feuerung. Und dat andere Loch dat krieje mer später. 

In Amerika hat Robert Fulton gezeigt, dass man mit Dampfschiffen auf dem Hudson von New York nach Albany fahren kann, so etwas möchte man jetzt zehn Jahre später auch in Bremen haben. Der Bremer Reeder Friedrich Schröder ist glücklich, dass er den jungen Treviranus gefunden hat, der jetzt beim Bau der Weser hilft. Die Maschine hat man bei Boulton & Watt in England gekauft, Treviranus war vorher bei der Firma von James Watt in Soho gewesen, um die Maschine genau zu studieren. Er ist dann auch auf den ersten Testfahrten an Bord der Weser gewesen, weil niemand diesen neuen Antrieb so verstand wie er. Eine der ersten Testfahrten der Weser führte nach Münden. Da wo Werra sich und Fulda küssen. Treviranus natürlich als Mechaniker und Chefingenieur an Bord. 

Der schreibt auch 1817 eine Woche vor der Jungfernfahrt an die Bremer Zeitung: Zur Sicherung gegen alle Gefahr [...] dient die auf dem Kessel befindliche Sicherheitsklappe (safety valve) und der in Grade abgetheilte Dampfmesser (steam gauge). [...] Bei unserem hiesigen Dampfboot ist die höchste Expansivkraft, welche die Dämpfe erhalten können, nicht größer, als daß jeder Quadrat-Zoll des Kessels nur durch eine Kraft von ungefähr 3,5 Pfund gedrückt wird, indem bei diesem Druck sich das Ventil zu öffnen beginnt. Daß diese Kraft niemals im Stande sein wird, einen, aus dicken Platten vom besten, geschmiedeten Eisen zusammengesetzten, mit starken Nietnägeln verbundenen Kessel auseinander zu treiben, wird Jedem einleuchten. Es ist auch wirklich meines Wissens noch kein Beispiel vorhanden, daß der Kessel einer, nach dem Prinzip der Herren Boulton und Watt wirkenden Dampfmaschine zersprungen wäre.

Und da hat er Recht gehabt, die Sache funktioniert. Wenn es mit der Personenbeförderung auch nicht ganz so funktioniert, wie der Reeder Friedrich Schröder sich das vorstellt. Aber das liegt daran, dass die Weser versandet, nicht an der Erfindungskraft von Treviranus oder an Mängeln der Maschine von Boulton & Watt. Der Schotte James Watt hat die Dampfmaschine zwar nicht erfunden, aber er hat sie entscheidend verbessert. Derjenige, der das vielleicht alles erfunden hat, ist ein Franzose namens Denis Papin, dem die Angehörigen der Schiffergilde aus Münster sein kleines Dampfboot kaputt machen, weil sie die Konkurrenz fürchten. Alles Erworbene bedroht die Maschine.

Wenn Sie einen Fissler Vitavit in der Küche haben, wird Ihnen der Schnellkochtopf nicht um die Ohren fliegen, weil er ein Überdruckventil hat. Denis Papin ist seine Erfindung explodiert, als er seinen Dampfkochtopf voller Stolz der Royal Society vorführen wollte. Aber dann hat der aus Frankreich vertriebene Hugenotte noch schnell das Überdruckventil dazu erfunden. Und die Dampfmaschine, das U-Boot und den Schaufelraddampfer. Er ist mit seinem Erfindungen nicht reich geworden, ist in bitterer Armut in London gestorben. Falls es Sie im Urlaub mal auf einen Ausflugsdampfer auf der schönen Oberweser verschlägt, dann denken Sie doch mal einen Augenblick an Denis Papin

Das stand hier schon vor dreizehn Jahren, als ich anfing, das Internet vollzuschreiben. Ich stelle es heute noch einmal hier ein, weil am 30. Dezember 1816 der Stapellauf des ersten deutschen Dampfschiffs stattfand, das von einem Deutschen gebaut wurde. Das zweimal deutsch hintereinander in dem Satz ist wichtig, weil es gleichzeitig ein zweites Dampfschiff in Deutschland gibt. 

Das heißt Prinzessin Charlotte von Preußen und schwimmt auf Havel und Spree. Gebaut wurde es von keinem Deutschen, sondern von dem  schottischen Ingenieur John B. Humphreys Jr. Sieben Jahre nach der Jungfernfahrt wurde die Prinzessin Charlotte von Preußen verkauft und abgewrackt. Die Weser fuhr da immer noch auf der Weser. Und bekam zur Zweihundertjahrfeier 2016 eine Briefmarke. Und 2010 hier einen Post.

1816 ist das Jahr der Dampfschiffe auf den deutschen Flüssen. Im Hamburger Hafen macht im Juni die englische ✺Lady of the Lake fest, sie soll Passagiere ins neugegründete Seebad Cuxhaven bringen. Und auch im Juni 1816 fährt die englische Defiance den Rhein hoch. Will nach Frankfurt, aber kommt da nicht an. Die deutschen Flüsse sind noch nicht für die Dampfschiffe geeignet. Doch schon ein  Jahrzehnt später gibt es einen regelmäßigen Schiffsverkehr zwischen Mainz und Köln. Die Schiffe sind voll mit englischen Touristen, denn in England hat Thomas Cook die Pauschalreise erfunden. Im Jahr 1843 sind eine Million Engländer auf dem Rhein gewesen. Sie reisen gern, die Briten, zuerst im 18. Jahrhundert mit ihrer Grand Tour, die der Oberklasse vorbehalten war. Jetzt kommen alle anderen, der Massentourismus ist erfunden. Lesen Sie mehr in dem Post Drachenfels.

Sonntag, 10. Dezember 2023

Sansibar


Ich fange heute mal so an. Wenn Sie das hier sehen, dann lesen Sie bestimmt weiter. Wenn ich mit der Weltpolitik anfange, lesen Sie vielleicht nicht weiter. Dies ist ein Photo aus dem Film ✺Blonde Fracht für Sansibar, der im Original Mozambique hieß. Hildegard Knef spielt da mit. Der kleine Schnipsel da oben und Vivi Bach im Bikini könnten ja ausreichen. Aber ich habe hier für Sie auch das englische ✺Original in ganzer Länge. Und ganz in englischer Sprache. Interessant ist, dass Steve Chochran da mitspielt. Der hat hier mit seiner Rolle in Antonionis Film Il Grido einen langen Post. Und diesen Film schreibt Alfred Andersch in seinen Roman Die Rote hinein. Es ist derselbe Andersch, der Sansibar oder der letzte Grund geschrieben hat. Und da bin ich wieder beim Thema Sansibar.

Heute vor sechzig Jahren erlangte das britische Protektorat Sansibar die Unabhängigkeit. Seit 1890 war die Insel unter der Herrschaft der Engländer gewesen. Weil die damals den sogenannten Sansibar-Helgoland-Vertrag unterschrieben hatten, der uns unter anderem die Insel Helgoland bescherte. Der deutsche Kaiser ließ es sich nicht nehmen, im August 1890 den neuen Teil seines Reiches, der seit 1807 eine britische Kronkolonie gewesen war, mit einer kleinen Flotte zu besuchen. Zehn Jahre später sah Helgoland so aus. Die Straße, die wir hier sehen, hieß natürlich Kaiserstraße. Heute heißt die nicht mehr so, heute heißt die Straße Lung Wai.

Der Sansibar-Helgoland-Vertrag kommt schon mehrfach in diesem Blog vor. Ich zitiere mal eben einen Absatz aus dem Post Kurgäste: Helgoland kommt erst 1890 zu Deutschland. Durch einen Vertrag, der im Volksmund der Helgoland-Sansibar Vertrag heißt. Bismarck, der seinen Nachfolger Leo von Caprivi nicht ausstehen konnte, hat das Gerücht in die Welt gesetzt, dass die Deutschen Helgoland gegen Sansibar getauscht hätten. Ganz so war es nun doch nicht. Aber die Vorstellung, dass es eines Tages statt Butterfahrten nach Helgoland Butterfahrten nach Sansibar gegeben hätte, ist schon komisch. Zu Sansibar haben wir ja immer irgendwelche →Beziehungen gehabt. Der Bremer Afrikaforscher Gerhard Rohlfs ist da mal kurz und glücklos Generalkonsul gewesen. Alfred Andersch hat einen Roman namens Sansibar oder der letzte Grund geschrieben, da ist Sansibar ein utopischer Ort, die Hoffnung auf eine bessere Welt ohne die Nazis. Wozu bin ich in der Welt, wenn ich nicht Sansibar zu sehen bekomme, steht bei Andersch.

Das alles könnte ich natürlich etwas genauer sagen, und da fange ich mal eben mit dem Mann aus Vegesack an, der Sansibar zu sehen bekommen hat. Über den ich schon einmal gesagt habe: Warum schreibt nicht endlich einmal jemand ein wirklich gutes Buch über Gerhard Rohlfs? Seit ich an einer Schule, die seinen Namen trägt, Abitur gemacht habe, verfolgt mich der Kerl. Ich habe alles gelesen, was über ihn erschienen ist, aber bis auf einen schmalen Band eines DDR Autoren namens Wolfgang Genschorek aus dem Jahre 1982 kann man das alles vergessen. 

Gut, damals kannte ich das Buch →Gerhard Rohlfs: Anmerkungen zu einem bewegten Leben von Günter Bolte noch nicht, das 2019 erschien. Bolte ist ein Amateurhistoriker, der im Heimatmuseum Schönebecker Schloss ehrenamtlich die Gerhard Rohlfs Sammlung betreut und sich durch fünftausend Briefe des Afrikaforschers gelesen hat. Er macht da weiter, wo vor hundert Jahren der Studienrat Alwin Belger angefangen hat. Belger war ein Kollege meines Opas und der Lieblingslehrer meiner Mutter (aber keineswegs der Lieblingslehrer von Ruth Rupp), er ist 1945 bei einem englischen Fliegerangriff neben dem Hotel Bellevue umgekommen. Boltes Buch ist eher ein Forschungsbericht als eine in sich geschlossene Biographie, aber es zeigt in vielen Details auf, dass man Gerhard Rohlfs Schilderungen seines eigenen Lebens keinen Augenblick vertrauen darf.

Doch dass er bei seinem kurzen Aufenthalt als Konsul von Sansibar dem Sultan den Sklavenhandel verbieten wollte, das stimmt wohl. In Berlin mag man diesen Quereinsteiger in Politik und Diplomatie überhauot nicht: Nicht von Haus aus Beamter und von daher mit jenem allen amtlichen Organisationsstrukturen gemäßen Schematismus nicht vertraut, der auch seiner Aufgabe zugrunde lag, nicht dazu zu bewegen, sich den Gepflogenheiten seines - und ebenso des Auswärtigen-Amtes anzupassen, etwa die regelmäßige Berichterstattung strikt einzuhalten, kein geschulter Diplomat und damit innerhalb des exklusiven Diplomatischen Dienstes ein Fremdkörper.

Gerhard Rohlfs ist für mich so etwas wie ein entfernter Verwandter. Ich bin auf einer Gerhard Rohlfs Schule gewesen, da gab es schon in der ersten Klasse in der Aula einen Vortrag über den berühmten Sohn der Stadt. Zu Beginn der Oberstufe gab es einen zweiten Vortrag. Der erste Vortrag war ein wenig auf dem abenteuerlichen Karl May Niveau für Kiddies, der zweite betonte die wissenschaftliche Leistung des Abenteurers. Über die Auswirkungen des Kolonialismus, über den Joseph Conrad Heart of Darkness und Mark Twain King Leopold's Soliloquy geschrieben hat, wurde nie geredet. 

Unser Heimatmuseum, in das mich mein Opa jeden Sonntagmorgen schleppte, wenn er als pensionierter Lehrer den Dienst an der Kasse übernommen hatte, war voll von Gerhard Rohlfs Reliquien. Und seiner gesamten Korrespondenz von 5.000 Briefen. Das Bild hier zeigt das heutige Gerhard Rohlfs Zimmer im neuen Heimatmuseum Schloss Schönebeck. Das Haus, in dem früher das Heimatmuseum war, hatte man an die Freimauer zuückgeben müssen. Aber Gerhard Rohlfs war kein Held meiner Jugend, je mehr ich über ihn las, desto fremder wurde er mir. Irgendwie hat er mehr von Karl May an sich als von Richard Francis Burton. 

Der Mann, der durch die Sahara gewandert war, ist eine Berühmtheit geworden. Bismarck glaubte, dass er ihn für seine Machtpolitik gebrauchen könnte. Aber als Konsul von Sansibar geriet Rohlfs zwischen alle Fronten, vor allem, weil er mit dem englischen Konsul befreundet war, den er als Kollegen kannte. Und dann war da noch die Sache mit der Prinzessin aus Sansibar. Die hieß →Sayyida Salme bint Said, in ihren →Memoiren sagt sie uns, dass sie Prinzessin von Sansibar und Oman ist. Sie wurde nicht die Herrscherin von Sansibar, und die ihr zustehenden 350.000 Goldmark des väterlichen Erbes hat sie auch nicht bekommen. Obgleich sich Gerhard Rohlfs immer für sie eingesetzt hat. Dahinter steht eine abenteuerliche Geschichte, die aber heute nicht erzählt wird. Weil die schon seit 2010 in diesem Blog steht. Hat schon mehr als fünftausend Leser, kann aber ruhig noch mehr haben. Klicken Sie mal den Post Emily Ruete an. Bewegte Bilder habe ich auch, Sie können hier den Film ✺Die Prinzessin von Sansibar sehen.

Lesen Sie auch: Afrika

 

Freitag, 8. Dezember 2023

die örtlichen Buchhändler


Martin Mader, seit dreißig Jahren der Inhaber der Buchhandlung Otto und Sohn in der Breiten Straße in meinem Heimatort Vegesack, hat ein Gespenst im Laden. Es heißt Booky und ist das weltweit einzige Buchgespenst. Sie können es hier auf ✺YouTube sehen. Booky soll Kinder zum Lesen bringen, und das mit den vier Booky und Martin Filmchen ist natürlich geschickt gemacht: ein Anreiz zum Lesen für Kinder und eine Werbung für die über neunzig Jahre alte Buchhandlung. 


Es muss etwas geschehen, fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht lesen. Fast jedes dritte Bremer Schulkind erreichte im Lesen nicht die IQB Mindeststandards. Das ist seit Jahren schon so, und es wird nicht besser. Der neueste Pisa Bericht beschreibt eine bildungspolitische Katastrophe. Ein Volk der Dichter und der Denker sind wir auf keinen Fall mehr, wenn wir das je waren. Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie hatte 2018 eine Hamburger Erklärung initiiert, in der Hoffnung, dass etwas besser wird. Am 20. September, dem Weltkindertag, wurden die gesammelten Unterschriften den Kultusministern der Länder übergeben wurden. Ist irgendwas passiert? 

 

Was soll werden, wenn die Lesefähigkeit sinkt und sinkt? Mit einem Smartphone oder einem Tablet können schon Kinder umgehen, mit einem Roman nicht. Und wenn sie der bunten Glitzerwelt der tausend Apps verfallen, verpassen sie das Schönste im Leben: Das Schönste, was wir gelesen haben, verdanken wir meistens einem uns teuren Menschen. Und mit einem uns teuren Menschen werden wir zuerst über die Lektüre sprechen. Vielleicht eben weil das Charakteristische des Gefühls – wie des Wunsches zu lesen – darin besteht, vorzuziehen. Lieben heißt letztendlich, denen, die wir vorziehen, das zu schenken, was wir vorziehen. Und dieses Teilen macht die Zitadelle unserer Freiheit aus.

Das ist nicht von mir, das ist von dem Franzosen Daniel Pennac, steht in seinem Buch Wie ein Roman. Friedhard hatte es mir geliehen, aber ich habe es mir sofort gekauft, kaum dass ich es zu Ende gelesen hatte. Es ist ein schönes Buch, das dem Leser auch Rechte zugesteht: 1. Das Recht, nicht zu lesen. 2. Das Recht, Seiten zu überblättern. 3. Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. 4. Das Recht, noch einmal zu lesen. 5. Das Recht, irgendwas zu lesen. 6. Das Recht auf Bovarysmus [dh den Roman als das Leben zu sehen]. 7. Das Recht, überall zu lesen 8. Das Recht herumzuschmökern. 9. Das Recht, laut zu lesen. 10. Das Recht zu schweigen. Das ist wichtig: Das Schweigen ist der Garant für unser intimes Verhältnis zum Buch. Es ist ausgelesen, aber wir sind noch drin. Das bloße Zurückdenken daran ist eine Ausflucht für unsere Ausflüchte. Es bewahrt uns vor der großen Außenwelt. Es bietet uns eine Beobachtungswarte weit oberhalb der zufälligen Szenerien. Wir haben gelesen und wir schweigen. Wir schweigen, weil wir gelesen haben.

Schulen werden mit Computern ausgestattet, jeder Schüler soll ein Tablet haben. Angeblich kann man heute nur noch mit Computern lernen. Man kann das ohne Computer. Wichtiger wäre es, gute Schulbibliotheken aufzubauen. Lehrerbibliotheken gibt es meist, meine Schule hatte eine eindrucksvolle Sammlung der deutschen Literatur, die ich als Schüler benutzen durfte. Ich glaube, ich war der einzige, der das tat. Unser Deutschlehrer Pedro Ziegert brachte uns in der Mittelstufe dazu, eine Klassenbibliothek aufzubauen. Zu der ich damals Alain-Fourniers Der große Kamerad beisteuerte. Wer liest dieses schöne Buch heute noch?

Martin Mader hat es geschafft, sich mit seiner Buchhandlung, die er von der Familie Otto übernommen hatte, nicht nach unten ziehen zu lassen. Dahin, wohin der kleine Ort Vegesack tendiert. Mader und seine Frau Sabine haben vor zwei Jahren in Anerkennung ihrer Arbeit den ersten Bremer Buchhandlungspreis erhalten. Es gab im Ort seit 1955 noch eine zweite Buchhandlung, die auch Otto hieß: Conrad Claus Otto. Das Adreßbuch für den deutschsprachigen Buchhandel vermerkte 1958, dass es hier zu Verwechslungen kommen könnte. C.C. Ottos kleiner Buchladen war neben einer Tankstelle in der Bismarckstraße (die heute Sagerstraße heißt). Gegenüber dem Haus vom Zahnarzt Dr Pickel, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hatte.

Conrad Claus Otto hatte immer die wichtigsten Titel der zeitgenössischen Belletristik in seinem Fenster. Damals verschaffte einem ein Blick in das Schaufenster einer guten Buchhandlung ja noch eine Übersicht über den Literaturmarkt. Die Zeit von Hugendubel, Thalia und Amazon war noch weit weg. Nicht alles, was im Schaufenster war, verkaufte sich. Das nächste Stadium war dann der kleine Grabbelkasten neben der Ladentür. Wo ich 1967 das Buch von Max Moser, Richard Wagner in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, billig erstand. Das war ein Band aus der Buchreihe Schweizer Anglistische Arbeiten, man musste die Seiten noch aufschneiden. Es gehörte unternehmerischer Mut dazu, in der Provinz einen solchen Reihentitel im Sortiment zu haben.

Es war eine erstaunliche Buchhandlung für so ein kleines Nest wie Vegesack, sie lebte natürlich von der Persönlichkeit des jungen Buchhändlers. Der auch noch die schönste Frau unserer Schule geheiratet hatte, kaum dass die achtzehn war. Sie hatten sich bei den Proben zu Hindemiths Oper Die Harmonie der Welt kennengelernt, bei denen unser Schulchor mitwirkte (was sie hier lesen können). Conrad Claus Otto war für Bremen-Nord so etwas wie Eckart Cordes in Kiel, obgleich der Kieler Kulturpreisträger vielleicht noch mehr berühmte Autoren in seine Buchhandlung gelockt hat als Conrad Claus Otto in seine. Aber immerhin, Siegfried Lenz, Walter Kempowski und Erich Fried waren hier. Und man bekam bei ihm die Karten für die Vorträge der Wittheit zu Bremen.

Conrad Claus Otto, der im Ort im Gegensatz zu seinen Verwandten immer der junge Otto hieß, veranstaltete auch Aufsatzwettbewerbe an unserer Schule. Als ich mich das erste Mal beteiligte, gewann ich den dritten Preis. Es war ein Buch von Hans Hass (oder war es Jacques-Yves Cousteau?) über Haie und die Welt der Tiefsee. Wenn ich irgendetwas hasse, dann sind es Bücher über Haie. Ich nächsten Jahr war ich der Sieger des Aufsatzwettbewerbs. Ich gewann einen Nachmittag mit einem Jugendbuchautor, dessen Namen ich vergessen habe. Das war noch weniger toll als das Buch über die Haie. Wenn das wenigstens ein Nachmittag mit Gottfried Benn gewesen wäre, es wurde gemunkelt, dass Conrad Claus Otto den kannte. Ich musste an dem Tag zuerst zusammen mit Conrad Claus Otto die Stühle im Saal vom Jugendheim Alt-Aumund aufstellen, dann fuhren wir mit Ottos kleinem VW Käfer (den er sich mit dem Geschäftsgründungskredit zugelegt hatte) zum Bahnhof, um den Autor abzuholen. Die Fahrkünste des jungen Otto waren grauenhaft. Am Ende der Dichterlesung schenkte mir der Autor einige signierte Manuskriptseiten. Ich beschloss, nie mehr an Aufsatzwettbewerben teilzunehmen. Das war erst einmal das Ende meiner Karriere als Essayist. Aber Bücher habe ich natürlich weiterhin bei Otto gekauft, wo ich auch mein erstes Buch von Hans Magnus Enzensberger kaufte. Und einen Band nach dem anderen von der schönen zweisprachigen Ausgabe des Züricher Arche Verlags von Ezra Pound. Wo sollte ich das sonst kaufen? Otto & Sohn waren ein besseres Schreibwarengeschäft, aner sie haben mir immerhin (wenn auch ein wenig zähneknirschend) die englische Ausgabe von Whitmans Leaves of Grass besorgt. 

In den fünfziger Jahren hatte es unten im Ort in der Bismarckstraße neben Harjes noch eine kleine Buchhandlung gegeben, bei der wir aber selten kaufen. Einmal schicken mich meine Eltern dahin, ich sollte Hermann Hesses Das Glasperlenspiel kaufen. Ich wurde gefragt, was das für eine Art Spiel sein soll? Mit dieser erschütternden Auskunft kehre ich nach Hause zurück. Das hatte schon seinen Grund, dass wir da nicht so häufig kaufen. Der Laden war da auch bald verschwunden. Unsere Ausgabe von Das Glasperlenspiel aus dem Jahre 1951 hat den kleinen grünen Aufkleber von Otto & Sohn auf dem Innendeckel des Buches. Die hatten solche Fragen beim Kauf nicht gestellt. In der Reeder Bischoff Straße gab es noch eine Filiale eines Leserings. Die hatten keine guten Bücher, aber eine schöne Buchhändlerin hinter dem Ladentisch.

Nach zwölf Jahren in der Bismarckstraße zog C.C. Otto in die Gerhard Rohlfs Straße um. In dem Haus war zuvor eine →Bäckerei gewesen, die die Vegesacker Heringslogger mit Brot versorgte. Aber diese Buchhandlung war nicht mehr der Laden, den ich kannte. Conrad Claus Otto ist 2007 gestorben, seine Frau hat die Buchhandlung 2012 nach siebenundfünfzig Jahren geschlossen. Da war sie fünfzig Jahre im Laden gewesen. Aus Liebe zu ihrem Mann hatte sie nach dem Abitur eine Buchhändlerlehre gemacht. Es gab 2012 einen kleinen Ausverkauf, was mit dem Rest der Bücher werden sollte, wusste sie noch nicht. Aber sie sagte dem Reporter des Weser Kurier, dass sie den Rest lieber verschenken wolle, als ihn zu verramschen. 

Da, wo früher die Buchhandlung C.C. Otto war, sitzt heute Thalia. Was soll man dazu sagen? Inhabergeführte Buchhandlungen stehen vor dem Aus, Leuwer in Bremen gibt es jetzt auch nicht mehr. 1857 gab es in Bremen fünfzehn Buchhandlungen. Sind es heute mehr? Kettenläden und Amazon geben den Ton an. Selbst dem berühmten Strand Bookstore in New York geht es nicht mehr gut. In den Antiquariaten ist es nicht anders. Früher war in Kiel die halbe Uni bei Eschenburg zu finden, heute scheint an der Uni niemand mehr zu lesen. Studenten haben heute kein Sitzfleisch mehr, die Bibliotheken sind leer. Als ich studierte, war es manchmal schwer, einen Platz im Lesesaal zu bekommen, so ändern sich die Zeiten. Muss ich noch einmal Petronius zitieren: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est?

Das kleine Moderne Antiquariat in der Holtenauer, Ecke Waitzstraße, ein Ableger vom Antiquariat Bücherwurm, macht jetzt nach vierzig Jahren auch dicht. Das Weihnachtsgeschäft wollen sie noch mitnehmen. Sie hatten immer ein interessantes Angebot, am besten war es im Sommer, wenn sie die Grabbelkästen vor dem Laden auf der Straße stehen hatten. Alles macht zu, scheint die Devise zu sein. Hier im Ort schließt die Kunsthalle für fünf Jahre. Und Tabac Trennt ist auch weg. Es geht viel verloren.

der Bremer Roland

Hier hat der bretonische Graf Roland, bedrängt von den Sarazenen, sein Signalhorn Oliphant ergriffen, um Hilfe herbei zu rufen. So sieht die...