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Montag, 10. August 2026

die Birnen in Nachbars Garten

Der Post Mitleid mit der KI hat bei vielen Lesern eine gewisse Heiterkeit hervorgerufen. Mein Freund Friedhard schrieb mir zu dem Thema: Lieber Jay! Ein einziger Versuch reicht mir, sie in dem Mülleimer zu lassen, in den sie gehört. Meine Frage war: Wer oder was ist 'Die Köstliche von Charneux'? Richtige Antwort: Eine alte Birnensorte, heute eher bekannt als 'Bürgermeisterbirne'. Antwort der KI: 'eine Erzählung von Georges Simenon'. Heitersten Gruß Dein Friedhard. Googles KI hat inzwischen etwas gelernt, sie kennt jetzt schon die richtige Antwort. KI und Birnen brachten mich auf die Birnen in Nachbars Garten. den Titel dieses Posts. Es geht hierbei nicht um das berühmte Gedicht von Theodor Fontane, nein, unsere Nachbarn (in dem Haus links auf dem Photo) hatten Birnbäume im Garten. Diese Birnen, über den Gartenzaun geschenkt, waren ein Teil meiner Jugend. 

Als Googles KI neu war, gab ich unseren Nachbarn, den Oberingenieur Bruno Trube vom Bremer Vulkan, dort ein. Erfuhr, dass es ihn nicht gibt: Der Begriff 'Trube Bremer Vulkan Vegesack' bezieht sich auf die Bremer Vulkan-Werft in Bremen-Vegesack, einem Stadtteil von Bremen, der für seine maritime Geschichte bekannt ist. Der Begriff 'Trube' ist hierbei nicht offiziell, sondern bezieht sich wahrscheinlich auf die dunklen Zeiten und den Konkurs des Unternehmens. Es ist immer wieder interessant zu sehen, was sich die KI aus den Fingern saugt und von Trube zum Trüben kommt. Allerdings steht Bruno Trube schon seit 2017 in meinem Blog, das hätte die KI lesen können:

Ich bin über die genauen Daten aller Stapelläufe immer bestens informiert. Mein Vater hat viele Werftarbeiter als Patienten, und die erzählen ihm alles, was auf der Werft so läuft. Und unser netter Nachbar Bruno Trube mit den hübschen blonden Töchtern (beide Stewardessen, ein neuer Beruf in den fünfziger Jahren, aber leider beide zu alt für mich) ist Oberingenieur beim Vulkan. Der weiß auch alles über die Werft. Nach seinem Tod wird ein richtiger Vulkandirektor neben uns einziehen, durch den ich eines Tages auch den Besitzer des Bremer Vulkans, den Baron Hans Heinrich Thyssen, kennenlernen werde. Natürlich auf der Strandstraße. In einem kleinen Ort wie diesem braucht man eigentlich keine Zeitungen und kein Radio, alles wird weitererzählt. Den Skandal um den planlosen Umbau des Tenders 'Neckar' für die Bundesmarine erzählen die Lürssen Arbeiter meinem Vater Jahre bevor der Bundesrechnungshof merkt, was das den Steuerzahler gekostet hat.

Gut, da fehlen jetzt die über den Zaun geschenkten Birnen, die ich nie vergessen habe. Ich weiß allerdings nicht, ob es die Köstlichen von Charneux waren. Und die hübschen blauen Lufthansa Uniformen seiner beiden Töchter habe ich auch weggelassen. Auch die Geschichte, wie Bruno Trube zwei auf dem Bürgersteig vor seinem Haus kopulierende Hunde mit einem Eimer Wasser voneinander trennte, was mir als kleinem Jungen großen Eindruck machte. 

Wenn ich Googles KI heute nach Bruno Trube frage, erfahre ich mehr als im Oktober des letzten Jahres: Bruno Trube war ein deutscher Ingenieur, der als Oberingenieur bei der renommierten Großwerft Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack tätig war. Hintergrund und Wirken Berufliche Rolle: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Zeitliche Einordnung: Seine aktive Zeit und sein Leben in Bremen-Nord fielen in die Nachkriegszeit sowie in die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders (1950er Jahre). Zu dieser Zeit erholte sich der Bremer Vulkan im Vergleich zu anderen zerstörten Werften wie der AG Weser sehr schnell und entwickelte sich zügig zu einer voll wettbewerbsfähigen Großwerft. Privates: Trube lebte mit seiner Familie in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren in Bremen. Seine beiden Töchter arbeiteten in den 1950er Jahren in dem damals noch sehr neuen Berufsfeld der Stewardess. Der Link im Text führt zu meinem Blog, bei dem sich die KI dankbar bedient hat. 

Getretener Quark wird breit, nicht stark, sagt uns Goethe. Google hat drei Fakten, Namen und Beruf von Bruno Trube und die beiden Töchter bei der Lufthansa. Der Rest ist frei erfundenes KI Gesülze: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Klingt toll, sagt in Wirklichkeit gar nichts und ist in Details immer wieder falsch: Bruno Trube lebte mit seiner Familie keineswegs in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren. Die Werftangestellten lebten einen Kilometer weiter unten neben der Werft. Hier oben waren nur →Kapitänshäuser, wie ich schon einmal schrieb: Die Kapitäne waren stolz auf ihre Haustüren, deren Holz sie aus der Südsee mitgebracht hatten. Nebenan, wo damals der Oberingenieur vom Vulkan Bruno Trube wohnte, hat einmal Dr Albrecht Roth sein Haus gehabt. Der hatte am Weserufer einen Park angelegt. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. 

Der Werftdirektor, der nach den Trubes in dem Haus neben uns wohnte, war Dr Ado Schiff (1922-1999). Der wird auch schon in dem Post Wittheit erwähnt: es gibt auch Themenbände. Wie diesen hier: 'Lebensraum Bremen-Nord: Geschichte und Gegenwart', 1989 bei Heinrich Döll in Bremen erschienen. Darin schrieb unser Nachbar Dr Ado Schiff über die Werften des Ortes, das fiel ihm leicht, denn er war der Direktor des Bremer Vulkans. Wenn ich Ado Schiff bei Googles KI eingebe, bekomme ich ein Schiff namens Adora geliefert. Ich weiß inzwischen, dass Googles KI selten wirklich gute Ergebnisse liefert, aber immer für Heiterkeit sorgt. Wahrscheinlich sind die besten bisherigen Ergebnisse der KI die KI Schlampen auf den Pornoseiten.

Als Ado Schiff den Vulkan verließ, zog er angeblich in eine neugebaute Villa in Leuchtenburg, in der es goldene Wasserhähne gab. Das Kleinstadtgeschwätz bringt erstaunliche Dinge zustande, Erzählungen, die den Wahrheitsgehalt eines KI Artikels haben. Dr Ado Schiff, ein gebildeter, eleganter Mann, war nach Augsburg gezogen. Wo er im Ruhestand eine Geschichte seiner ursprünglich jüdischen Elsflether Reederfamilie schrieb. In drei Bänden, die alle in Augsburg erschienen: Der literarische Nachlass meines Großvaters Adolf SchiffDie Reedereien von Joseph und Adolph Schiff 1841 bis 1907 und Die Familiengeschichte der Schiffs zu Elsfleth. Man kann die Bände antiquarisch noch finden.

In meinem Heimatort schien jeder ein Kapitän zu sein, alle Männer trugen Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen (mein Vater auch). Viele standen den halben Tag am Anleger der Dampfer der Schreiber Reederei oder am Utkiek und guckten auf das Wasser. So wie es Herman Melville im Kapitel Loomings von Moby-Dick beschreibt: Look at the crowds of water gazers there ... Posted like silent sentinels all around the town, stand thousands upon thousands of mortal men fixed in ocean reveries. Dies ist nicht New York, dies ist eine kleine Hafenstadt an der Weser, mit Heringsloggern, Werften und Segelmachern. Es sind auch keine tausende, die da stehen. Bestenfalls zwei Dutzend, aber auch sie haben ihre ocean reveries. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne. Dieser Mann hier heißt Friedrich Hennemann, er hat diesen leeren Blick, weil er den Bremer Vulkan ruiniert hat. 

Hennemann war gelernter Apotheker. Dank seines SPD Parteibuchs wurde er Senatsdirektor und eines Tages Direktor des Vulkans. Er war ein Mann der ganz großen Pläne, hatte Visionen wie Donald Trump, der den Gazastreifen zur Riviera des Nahen Ostens machen wollte. Hennemann träumte davon, durch Diversifizierung einen weltumspannenden maritimen Technologie Konzern schmieden zu können. Die örtlichen Zeitungen höhnten, dass er sich offenbar einbilde, wie Jesus über das Wasser laufen zu können. Hennemann hätte lieber Petronius lesen sollen: Si bene calculum ponas, ubique naufragium estWilfried Huismann und Klaus Schlösser haben über den Chef der Vulkanesen den Film ✺Machtspieler: Friedrich Hennemann und der Untergang des Bremer Vulkan gedreht, der 1999 zu Recht den Grimme Preis erhielt.

Den Baron Heini Thyssen (hier von Lucian Freud gemalt), der mir einmal die Hand geschüttelt hatte, interessierte der Untergang der Werft nicht, der hatte schon 1980 begonnen, sich von seinen Aktien zu trennen. Aber das Ende der Werft war nicht unvermeidlich. Auf der anderen Weserseite, gegenüber vom Vulkan, zeigt die Werft von Fidi Lürssen, dass man bis heute mit Erfolg Schiffe bauen und verkaufen kann.


Sonntag, 3. Mai 2026

Weserfähren

Wenn man klein ist, Huckleberry Finn gelesen hatte, aber statt des Mississippi nur die Weser vor der Tür hatte, dann war die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht auf dem Anleger der Schreiber Reederei Schlepperkapitäne so lange anbettelte, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnahmen. Da mußte man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählte man nie den Eltern. 


Die Fähre über die Weser gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte Ruderboote. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die Ruderboote noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. Wie hier auf dem Photo mit der Moorlosen Kirche im Hintergrund, das um 1890 gemacht wurde.

Seit dem 30. April 1889 gab es die dampfgetrieben Fähre Frieda, die für fünf Pfennig fünfunddreißig Menschen von Vegesack nach Lemwerder beförderte, das war ein großes Ereignis. Pferdefuhrwerke kosteten 1,50 Mark. Die Fähre war nicht bei uns gebaut worden, obwohl wir im Ort Werften genug hatten. Die Frieda kam von der Sächsischen Dampfschiff-und Maschinenbauanstalt Dresden. Mit der Zeit wurden die Fähren größer. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder den Fährverkehr, seitdem hatte diese Familie die Weserfähren unter sich. 1993 wurde die Fähren Bremen-Stedingen (FBS) gegründet, an der das Land Bremen einen Anteil hat.

Niekamp ließ bei Lürssen 1924 die kleine Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte, da passten doppelt so viele drauf wie auf die Frieda. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die noch bis 1969 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die zweite Stedingen von 1972 schwimmt jetzt in Irland als Mary Fitzgerald. Manchmal hatten Auofahrer Schwierigkeiten, mit dem Auto wieder von der Fähre zu kommen, so wie der Fahrer des Borgwards hier. Aber das war eine Ausnahmesituation, das war die Sturmflut 1962, es war erstaunlich, dass die Fähren da überhaupt fuhren.

Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr lindgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnminutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin. Heute werden beinahe drei Millionen Fahrgäste jährlich zwischen Vegesack und Lemwerder befördert.

Ein bisschen Romantik ist noch auf diesem Bild, das die Direktorin des Overbeck Museums Dr Katja Pourshirazi dem Publikum zeigt. Fritz Overbeck hat hier um 1906 die Fähre Frieda gemalt, vielleicht ist das kleine Mädchen im blauen Kleid ganz rechts seine Tochter gewesen. 

Das kleine Bild (Öl auf Karton - 36 x 46 cm) ist das beliebteste Bild des Museums. Sie ist unsere 'Mona Lisa', hat Katja Pourshirazi über Overbecks Fähre Frieda gesagt. Vielleicht sollte man das Bild Mona Frieda nennen.

Dienstag, 14. April 2026

in vino veritas

Der Mann, der heute vor 195 Jahren geboren wurde, war schon einige Male in diesem Blog. Das liegt daran, dass ich aus dem gleichen Ort wie er komme und mein Gymnasium seinen Namen trug. Die Straße, die quer durch unseren Ort führt, trägt auch seinen Namen. Sein Geburtshaus steht nicht mehr, aber an dem Neubau ist ein Schild, auf dem Afrikaforscher Gerhard Rohlfs steht. Vor einhundertfünfzehn Jahren wollte man im Ort ein riesiges Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Jetzt gibt es für Rohlfs seit 1961 ein Denkmal von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. 

Alles zu dem Afrikaforscher aus Vegesack finden Sie in den Posts: Gerhard RohlfsSansibarAfrikaorientalischEmily RueteDie Prinzessin von SansibarStraßenzeitschrift. Und ein Gedicht zu Rohlfs habe ich heute auch, ein kleines satirisches Gedicht von Ferdinand Freiligrath. Ich zitiere daraus einmal die erste Strophe: 

Bei Tunis und weiter südlich,
Querhin durch Afrika,
Da ist es ungemütlich,
Heiß brennt die Sonne da.
Das Land ist sandig und dürre,
Man nennt das Wüstenei;
Der Vogel Strauß, ganz kirre,
Legt häufig dort ein Ei.

Den Rest des Gedichts von Freiligrath aus dem Jahre 1875 können Sie hier lesen. Das Gedicht hat den seltsamen Titel Zur Feier der abermaligen Aufweichung des berühmten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs in der Neckarsulmer Aufweichungs-Anstalt für eingetrocknete Wüstenpilger. Das ist erklärungsbedürftig, sehr erklärungsbedürftig. Die Seite der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. hilft uns da weiter. Dort können wir nämlich über Freiligraths Freund, den Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, lesen:

Ganzhorn war ein begeisterter Weinliebhaber. Im Garten des Neckarsulmer Oberamtsgerichts und in einem gepachteten Weinberg baute er selbst Wein an. Er war Mitglied der Gesellschaft für Weinverbesserung und beteiligte sich 1873 erfolgreich mit mehreren Weinen an der Weltausstellung in Wien. Vor allem aber verstand er es, Freude am Wein zu vermitteln und zu teilen. Er brachte viele Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, wobei der Wein als verbindendes Element diente. Im Freundeskreis hatte er den Namen Der trinkbare Mann. Als besonderen Kellerschatz pflegte er ein Fass aus dem 1811er Kometenjahrgang, der freilich regelmäßig durch vorzügliche neuere Jahrgänge aufgefrischt wurde. G. bezog regelmäßig Weine von den besten Erzeugern, die er im Keller des Oberamtsgerichts ausbaute. Dorthin lud er Dichterfreunde und Honoratioren ein, um die Weinkultur zu zelebrieren, mit Gesang, Gedichten, Kellerumzügen und schauspielerischen Einlagen. Weingenuss war für ihn Anregung, bereicherte das Lebensgefühl und steigerte die geistige Empfänglichkeit. Sein Musenkeller übte überregional eine starke Anziehungskraft aus. 1870 war der berühmte Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zu Gast. Daraufhin begründete G. im Neckarsulmer Oberamtsgerichtskeller die Aufweichungsanstalt für Afrikareisende, um ausgetrocknete Forscher nach heißer Wüstenfahrt zu akklimatisieren. Neben Rohlfs ließen sich dort auch Karl Mauch (1837-1875) und Gustav Nachtigal (1834-1885) behandeln – vorzugsweise mit Kometenwein.

Das Gedicht auf den in der Wüste vertrockneten Afrikaforscher, der im Ganzhornsche Weinkeller mit Wein wieder aufgeweicht wird, ist also nichts als ein literarischer Scherz, mit dem Freiligrath seinem Freund Ganzhorn (die beide alte 1848er waren) eine kleine Freude machen wollte. Und das Gedicht  ist bestimmt im Weinkeller zum ersten Mal vorgetragen worden. Ganzhorn war übrigens selbst ein Dichter, ein klein wenig auf jeden Fall. Denn seit den Studententagen hat er Gedichte geschrieben. Nicht so viele haben überlebt, einen Text kennen wir aber alle. Weil wir es für ein altes Volkslied halten, aber es war Wilhelm Ganzhorn, der 1851 ✺Im schönsten Wiesengrunde schrieb. Habe ich natürlich auch hier, gesungen von Rudolf Schock.

Sonntag, 25. Januar 2026

Grönland

Müssen die Bewohner des kleinen Kaffs Grönland in Schleswig-Holstein jetzt Angst vor Donald Trump haben? Wahrscheinlich weiß er nicht, wo dieses Grönland liegt. Er verwechselt ja ständig Orte und  Länder. Letztens redete er von Island, meinte aber wohl Grönland. Viele Amerikaner haben Schwierigkeiten mit dem Lesen von Landkarten. Vor Jahrzehnten haben die Amerikaner bei einem militärischen Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Als ich klein war, wusste ich auch nicht so genau, wo Grönland war. Aber ich wusste, dass es etwas mit meinem Heimatort zu tun hatte. Denn von Vegesack aus machte man Jagd auf den Grönlandwal (Balaena mysticetus), der im 18. Jahrhundert noch in riesigen Mengen herumschwamm. Man nannte die Wale die Goldminen des Nordens, denn mit Walfang und Robbenschlag konnte man reich werden. 

Dass wir in Vegesack zum Ausgangspunkt der Bremer Grönlandfahrt wurden, verdanken wir dem Hafen, den holländische Fachleute vor vierhundert Jahren gebaut haben. Die Weser war versandet, große Schiffe konnten Bremen nicht mehr erreichen. Schon 1653 war für die Grönlandfahrt eine bremische Grönland-Compagnie gegründet worden. Über tausend bremische Schiffe fuhren in der Zeit von 1695 bis 1798 ins Polarmeer. 

Nicht alle kommen zurück, sie sinken im Sturm oder werden im Packeis zerdrückt. Die Holländer beherrschen das Geschäft, aber es sind nicht nur die Bremer, die beim Walfang und Robbenschlag mit ihnen konkurrieren. Da sind noch Hamburg und Schleswig-Holstein. Über die Walfänger aus Schleswig-Holstein hat die aus einer Walfängerfamilie stammende LehrerinWanda Oesau 1937 das Buch Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag geschrieben, das noch immer als Standardwerk gilt.

1596 entdeckte der Holländer Willem Barents Spitzbergen, und wenig später gründen die Holländer die Groenlandsche Maatschappij. Nun sind Spitzbergen und Grönland zwei verschiedene Inseln, weshalb der Name Groenlandsche Maatschappij? Sie wussten es nicht besser, sie hielten das, was sie gerade entdeckt hatten, für den Osten von Grönland. Der größte Teil der Grönlandfahrt der norddeutschen Walfänger geht nicht nach Grönland, der geht nach Spitzbergen. Lesen Sie dazu mehr auf dieser Seite des Bamberger Geographieprofessors Erhard Treude.

Um 1830 will der Vegesacker Werftbesitzer Johann Lange, der seine Werft direkt neben dem Hafen hatte (hier ein Bild aus dem Jahre 1835) auch in das Walfanggeschäft einsteigen. 1843 wurde in Vegesack eine Aktiengesellschaft zum Zweck der Grönlandfischerei gegründet, aber es geht mit dem Walfang zu Ende. Als Herman Melville 1851 Moby-Dick schreibt, ist die große Zeit des Walfangs vorbei. Das letzte Schiff, das den Vegesacker Hafen 1865 für eine Grönlandfahrt verlässt, heißt Aurora. Sie können seine Geschichte auf der informativen Seite des Focke Museums lesen. 

Ein Schiff namens Grönland gibt es heute noch. Es wurde 1867 in Norwegen gebaut, dem Land, dem Grönland bis zum Kieler Frieden 1814 gehörte. 1868 nahm das Schiff an der Ersten Deutschen Nordpolar-Expedition teil. Heute gehört es dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Es ist immer noch seetüchtig. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum hat zu dem Schiff hier eine interessante Seite.

Das letzte Bremer Schiff, das von der Grönlandfahrt zurückkehrt, ist 1872 die Hudson der Bremer Reederei B. Grovermann & Co. Danach wurde der Walfang eingestellt. Im Fischfang werden die Vegesacker noch bleiben, nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Flotte ihrer Heringslogger (lesen Sie mehr in Heringe) die größte Europas. An dem Walfang der Nationalsozialisten vom 1933 bis 1939, als Walter Rau aus Hilter seinen Schlachthof auf hoher See aufmachte, hatten wir keinerlei Anteil. Die Zeugnisse der Grönlandfahrt kann man in Norddeutschland heute noch sehen, wie hier auf dem Friedhof von Wyk auf Föhr oder dem Vegesacker Utkiek, wo zwei Walkiefer stehen. Vieles findet sich in Museen, noch mehr in Büchern.

Eins der ersten Bücher ist Die arktische Fischerei, wie sie von der Weser aus betrieben wurde von dem Bremer Lehrer Bernhard Ahlers, das 1911 erschien und 1988 wieder aufgelegt wurde. Es ist aus Liebhaberei geschrieben, hat aber wissenschaftlich wenig Bestand. Es kommt nicht an die Schriften von Wanda Oesau (die das Detlefsen Museum in Glücksstadt auf seiner Seite würdigt) oder Joachim Münzing heran. Den Leiter der Naturkundlichen Abteilung des Altonaer Museums muss ich unbedingt noch nennen, weil er 1975 die Ausstellung Wale und Walfang in historischen Darstellungen gemacht hatte. Und drei Jahre später das Buch Die Jagd auf den Wal: Schleswig-Holsteins und Hamburgs Grönlandfahrt folgen ließ. Ich habe Dr Münzing 1976 kennengelernt, als ich mit Dr Joachim Kruse die Schleswiger Moby-Dick Ausstellung vorbereitete. Der Münzing wusste viel über Wale und Walfang, unglaublich viel.

Über Grönland weiß Donald Trump, der das Land haben möchte, weil da nur russische und chinesische Schiffe drumherumfahren, nicht sehr viel. Eigentlich gar nix. Das hat er gerade wieder bewiesen, als er dieses AI generierte Bild postete. Donald, mal ganz langsam zum Mitschreiben: es gibt in Grönland keine Pinguine. Das Bild enthält aber auch eine Hoffnung in sich: der kleine Kerl mit der amerikanischen Flagge hat den Donald ganz fest an die Hand gekommen. Und jetzt geht er mit ihm immer weiter. Bis in die Antarktis. Und verabschiedet sich dort höflich von ihm. Von da unten kommt Trump nie zurück.

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Donnerstag, 27. November 2025

Birkenfeld

Nachdem Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig geschlagen worden war, kehrte der Herzog Peter Friedrich Ludwig am 27. November 1813 aus dem russischen Exil nach Oldenburg zurück. Oldenburg kenne ich, meine Division hatte dort ihr Hauptquartier. Was der Großherzog in seinem Land kulturell und architektonisch bewirkte, das weiß ich auch, irgendwann schreibe ich mal darüber. Die außergewöhnliche klassizistische Lambertikirche wird schon in dem Post Kirchen erwähnt. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr bekommt der Großherzog durch die auf dem Wiener Kongress beschlossene Gebietsverteilung noch ein kleines Ländchen dazu, das Fürstentum Birkenfeld. Das ist nun ganz weit weg von Oldenburg, und Peter Friedrich Ludwig wollte das erst überhaupt nicht haben. Ich weiß dank der Bundeswehr, wo Birkenfeld ist, denn der Truppenübungsplatz Baumholder ist da nicht so weit entfernt.

Peter Friedrich Ludwig und sein Sohn August werden aus dem zuerst ungeliebten kleinen Fürstentum ein Musterländle machen. Birkenfeld wird das beste Schulwesen von allen deutschen Kleinstaaten haben. Und es wird das einzige Land des Deutschen Bundes sein, das den Juden erlaubt, ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu werden. Es gibt im Land zwar einen Wehrdienst, aber die Militarisierung des öffentlichen Lebens, wie wir sie im 19. Jahrhundert in Preußen kennen, findet hier nicht statt.

Im Jahre 1848 wird das Ländle nicht durch Revolution und Unruhen erschüttert. Ein klein bisschen doch. Der Großherzog muss den Regierungspräsidenten entlassen, den jeder in Birkenfeld hasst. Der hat den schönen Namen Laurenz Martin Hannibal Christian Fischer und vier Jahre später wird ganz Deutschland diesen Reaktionär kennen. Da hat er dann Beinamen wie Flottenfischer oder Flottenverkäufer. Wie es dazu kam, können Sie in den Posts Admiral Brommy und Reichsflotte lesen. Dass Fischer gleich in meinem ersten Bloggerjahr in diesem Blog erscheint, hat damit zu tun, dass ich seine Lebensgeschichte schon ganz, ganz lange kenne. Weil das Haus meiner Eltern gegenüber dem Sommerhaus von Arnold Duckwitz stand. Und das war der Mann, der die erste deutsche Flotte gegründet hat, sozusagen unser Nachbar.

Der Historiker Hans Friedl schreibt im Biographischen Handbuch zur Geschichte des Landes OldenburgFischer, dessen politische Gedankenwelt in der Aufklärung und in der spätabsolutistischen Staatslehre wurzelte, gehörte zu den Anhängern des patriarchalischen Obrigkeitsstaates, der durch eine aufgeklärte Beamtenschaft für die Wohlfahrt der politisch unmündig gehaltenen Bevölkerung zu sorgen suchte. An diesen schon früh ausgebildeten Ideen hielt er zeitlebens unverrückbar fest und vertrat sie mit arroganter Rechthaberei und borniertem Dogmatismus. Er isolierte sich damit selbst im konservativen Lager und wurde zu einem Reaktionär reinsten Wassers, der die liberale Bewegung doktrinär bekämpfte. Fischer war wie Donald Trump einer von den Menschen, die immer Recht haben. Dass er aus allen Position in Oldenburg wie im Fürstentum Lippe-Detmold herausfliegt, daran sind die anderen Schuld. Und so veröffentlicht er 1855 sein Buch Politisches Martyrthum. Kostet antiquarisch um die 35 Euro, ich würde dafür aber kein Geld ausgeben.

Samstag, 8. November 2025

November 1938

Ein Tag der ewigen Schande für Deutschland. Der Begriff der Reichskristallnacht ist wahrscheinlich zuerst eher ein ironischer Ausdruck des Zorns gegen den barbarischen Terror gewesen, bevor die Nazis diesen Euphemismus zynisch für sich vereinnahmten. Mit dem Zerwerfen der Schaufensterscheiben kam die sogenannte Arisierung der Geschäfte, Enteignung, Vertreibung, Ermordung der Geschäftsinhaber.

Ich möchte heute eine kleine, leider wahre Geschichte erzählen, die mich seit Jahrzehnten verfolgt. In Bremen lebt man ja gerne mit der Vorstellung, dass wir Bremer alle immer vornehm und hanseatisch gewesen seien. Und wer hanseatisch ist, ist natürlich immun gegen den Nationalsozialismus. Es ist leider keineswegs so gewesen. Die Zahlen und Statistiken in dem hervorragenden Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich sprechen da eine ganz andere Sprache. Nein, die Bremer können nicht sagen, sie seien nicht dabei gewesen.

Und die Flaggen auf der Obernstraße auf diesem Photo aus dem Jahre 1938 sind auch nicht wegzuleugnen. In meinem Heimatort Vegesack erhielt die NSDAP bei der Reichstagswahl vom 6. November 1932 30,8 Prozent der Stimmen. In keinem Bremer Wahlbezirk hat sie mehr Prozente erreicht. Im feinen Schwachhausen sind es immerhin 21,7 Prozent, das zweithöchste Ergebnis. Nur die Arbeiterstadtteile haben die Nazis nicht gewählt. Doch es sind diese Stadtteile, die im Krieg von den Alliierten bombardiert werden. Sie werden die schlimmsten Verluste haben, darin liegt die Tragik. 

Meine Geschichte heute kommt wieder einmal, wie die Geschichte über meinen Freund Peter Gutkind oder die über die Bremer Revolution 1968, aus meinen unfertigen Bremensien. Und sie beginnt mit meinem Schulweg. Springen Sie mit mir für einen Augenblick zurück in die Kindheit. Aber wir werden in dieser Zeit der Unschuld nicht verweilen können.

Wenn ich die Weserstraße mit meinem Ranzen entlanggehe, treffe ich morgens Mitschüler wie Roder oder Gabi, und wir gehen gemeinsam zur Schule. Zwischen der Kimmstraße und der Breiten Straße kennen wir jede Gehwegplatte, weil wir hier Hüpfspiele wie Himmel und Hölle spielen oder die Platten einmal im Jahr hochnehmen, um nach Maikäfern zu suchen. In der Breiten Straße begegnen uns einmal in der Woche Kälber und quiekende Schweine, die zur Schlachterei Pohl in der Bahnhofstraße getrieben werden. Danach gehen wir bei Többens über den Zebrastreifen. Es ist der einzige Zebrastreifen über die Bundestraße 75, den wir im Ort haben. Deshalb soll ich diesen Weg nehmen, sonst könnte ich auch die Kimmstraße entlang gehen und dann bei Viole durch den Gang flitzen. Aber bei Viole, wo immer ein Fass mit Heringen vor der Ladentür steht, ist leider kein Zebrastreifen, und so muss ich bei Többens vorbei.

Neben Többens ist früher ein Schuhgeschäft gewesen. Da hat ein Verwandter meiner Großeltern in der sogenannten Reichskristallnacht ein Paar Schuhe geklaut. Um dann morgens festzustellen, dass er zwei linke Schuhe erwischt hatte. Die Familie lacht immer noch über diese Geschichte, obgleich der Verwandte ansonsten ungern erwähnt wird. Der hatte nämlich in Osnabrück eine kriminelle Pleite hingelegt und war im Gefängnis gewesen, danach war er bei den Bremer Verwandten abgetaucht. Im Osnabrücker Land wollte er sich erstmal nicht mehr sehen lassen. Unter diesen Herren auf dem Photo sind auch welche, die am 10. November die Aumunder Synagoge angezündet haben. Keiner von ihnen wurde wegen Brandstiftung verurteilt.

Über die Aumunder Juden hat Ingbert Lindemann, der ein Vuerteljahrhundert Pastor der Christophorus Gemeinde Aumund-Fähr war, das Buch „Die H. ist Jüdin!“ Aus dem Leben von Aumunder Juden nach 1933 geschrieben, das 200ß im Donat Verlag in Bremen erschien. Der ehemalige Bürgermeister Hans Koschnick hat das Vorwort zu dem Buch geschrieben, über etwas was lange verschwiegen und verdrängt war ... Ein eindrücklicher Appell für ein ‚Nie wieder!’ Ich habe dem Buch von Ingbert Lindemann, mit dem ich zusammen in der Evangelischen Jugend war, entnommen, dass der Judenreferent der Bremer Gestapo Bruno Nette von 1935 bis 1940 bei uns um die Ecke gewohnt hat. Das hatte ich nicht gewusst. Dass unser Nachbar, der SA-Sturmführer Lothar Westphal, 1933 Bürgermeister von Vegesack wurde und den von den Nazis geschassten Dr Werner Wittgenstein ablöste, das wusste ich. Mein Schulweg, zu dem ich Sie mitgenommen hatte, wird immer wieder durch die Vergangenheit unterbrochen.  

Wenn wir beim Zebrastreifen sind, macht Herr Többens seinen Laden gerade auf. Das ist ein Herrenmodegeschäft der armseligen Sorte. Ich grüße den Herrn Többens nie. Meine Eltern auch nicht. Wir kaufen da auch nicht, ich war nie in meinem Leben in dem Laden. Walter Caspar Többens ist ein Nazi gewesen und ein Kriegsverbrecher. Das mit dem Kriegsverbrecher habe ich lange nicht gewusst. Dass beinahe alle Vegesacker Geschäftsleute Nazis waren und viele in der SS oder Waffen SS waren, kommt eines Tages dank unserer Schulzeitung Das Echo heraus, die zum Entsetzen der Schulleitung einen gut recherchierten Artikel aus dem Neuen Deutschland über die Nazis in Vegesack nachdruckt. Dass die Ausgabe des Echo überhaupt erschien, war damals in der Adenauerrepublik immerhin ein kleiner Sieg der Pressefreiheit. Die Abonnementszahlen der Schulzeitung fielen nach diesem Artikel aber rapide. Keiner der in dem Artikel genannten Kaufleute wollte das Echo weiter unterstützen. 

Dass Többens ein Kriegsverbrecher war, erfahre ich erst durch einen photokopierten Artikel, den mir mein Freund Gert Börnsen Jahrzehnte nach Többens’ Tod gegeben hat. Ich hatte den Artikel einer Freundin geliehen, die auch aus dem Ort kommt, habe ihn aber nie wiederbekommen. Manche Leute sind ein Bermuda Dreieck für Leihgaben. Aber ich bekomme eines Tages, wenn es das Internet gibt, heraus, wer den Artikel geschrieben hat, auch wenn ich Gerts Photokopie niemals wiedersehe.

Der Verfasser heißt Günther Schwarberg, er schreibt für den Stern. Er ist in Vegesack geboren. Sein Vater war Lehrer an Opas Volksschule. Opa und Schwarberg Senior haben sich nicht ausstehen können, denn Schwarbergs Vater war ein Sozialdemokrat. Das ist für meinen kaisertreuen Opa ja das Schlimmste auf der Welt. Über die Többens dieser Welt macht Opa sich weniger Gedanken. Walter Caspar Többens ist 1954 gestorben, mit seiner Geliebten in seinem Mercedes verunglückt. Zu dem Zeitpunkt ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht mehr gegen das CDU-Miglied, den gläubigen Katholiken und erfolgreichen Geschäftsmann. Aber 1949, da war er von einer Bremer Spruchkammer als Kriegsverbrecher verurteilt worden, zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. In Polen gab es ein Todesurteil gegen ihn, aber er ist der Auslieferung durch die Amerikaner zweimal durch Flucht entkommen. Und auch das Bremer Urteil wird nicht vollstreckt, nach 1950 wird in Bremen niemand mehr verfolgt. Das Vermögen bleibt nicht eingezogen. Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft und wohnt dann im feinen Schwachhausen. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist Bremer Wirklichkeit. Auf die wir nicht stolz sein können.

Günther Schwarberg, der auch die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm öffentlich gemacht hat, hat Walter Caspar Többens’ Geschichte in seinem Buch Das Getto: Spaziergang in die Hölle aufgeschrieben. Eine Musterkarriere im Dritten Reich: Arisierung der Firma von Adolf Herz in Vegesack, die fortan Többens heißt, dann Großunternehmer und Wehrmachtslieferant für Uniformen in Warschau. Millionengewinne. In Warschau kann man viel Geld machen, auch Oskar Schindler war ja ursprünglich nicht dahin gegangen, um gute Werke zu tun.

Die Deutschen haben sich nach dem Überfall auf Polen hier sozusagen wohnlich eingerichtet. Das kleine, sorgfältig gedruckte Büchlein Soldatenführer durch Warschau, das ich unter Vatis Unterlagen gefunden habe, vermittelt einem den Eindruck einer deutschen Mustersiedlung. Die Soldatengaststätte am Adolf Hitler Platz ist täglich von 7 bis 22 Uhr geöffnet, Uniformen (wahrscheinlich bei Többens genäht) kann man im Deutschen Uniformhaus im Hotel Bristol (Bild) kaufen. Das Heft ist voller Anzeigen deutscher Firmen, von Thonet Möbeln (Slotnastraße 9) bis Telefunken Radios. In dem Soldatenführer liegt auch eine Quittung des Geschäftes von Julius Meinl, wonach Vati (der damals als junger Leutnant durch einen Irrtum einen halben Tag vor der offiziellen Einnahme Warschaus als erster deutscher Soldat mit dem Jeep durch die menschenleere Stadt gefahren ist) für sechzig Gramm Butter und ein Pfund Keks eine Mark dreiundzwanzig bezahlt hat. Die Firma Julius Meinl hat nach 1939 über tausend Filialen in Europa, jetzt auch in Warschau. Der Soldatenführer durch Warschau (gekauft bei der Deutschen Buchhandlung, der Heim- und Pflegestätte deutschen Schrifttums) weist, ähnlich wie ein Baedeker, auch auf die architektonischen und landschaftlichen Schönheiten hin.

Die interessieren Walter Többens weniger. Er wäre ja aus dem Getto davongelaufen, wenn er nicht so gut verdient hätte, sagt er im Prozess. Und gut verdienen tut er. Für 1,4 Millionen Reichsmark kann er plötzlich das Bambergerhaus in Bremen kaufen. In den zwanziger Jahren im expressionistischen Backsteinstil erbaut, war es das erste Hochhaus in Bremen, hatte die ersten Rolltreppen. Und im Erdgeschoss kann man von einem Photomaton in acht Minuten acht Portraitphotos bekommen. Von den Bremern wurde das Kaufhaus liebevoll Bambüddel genannt. Es besaß sogar eine Armenküche. Julius Bamberger tat nicht nur gute Werke, er kämpfte auch zusammen mit dem Bremer Pastor Emil Felden gegen den grassierenden Antisemitismus. 1933 wird Bamberger vorübergehend verhaftet, flieht 1937 in die Schweiz. Baut sich in Paris eine neue Existenz auf. Als die Deutschen kommen, landet er im KZ. Kann wieder fliehen, diesmal in die USA. Er bekommt nach dem Kriege gerade mal 50.000 Mark für das, was man ihm weggenommen hat. 

Walter Többens, der ehemalige mittellose Angestellte bei der Firma Leffers in Vegesack, der den Nazis und seiner kriminellen Energie sein Geld verdankt, ist zu dem Zeitpunkt schon wieder im Besitz seines ganzen Vermögens. Er hat kurz vor Kriegsende dank geschmierter Helfer in Berlin auch alles aus seinen Többens-Werken von Warschau und Poniatowa nach Delmenhorst verlagern können. Zu diesem Zeitpunkt kriegen kein Soldat und kein Flüchtling mehr einen Platz in einem Zug nach Westen, Többens kriegt ganze Eisenbahnzüge von seinem Kumpel Dr Heinrich Lauts im Berliner Reichwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt. 

Das 1944 zerstörte Bambergerhaus ist 1955 wieder aufgebaut worden. Auch der Schriftzug Bamberger steht heute wieder am Haus, in dem jetzt die Volkshochschule residiert. Im Treppenhaus gibt es eine Dauerausstellung über das Leben und Wirken Julius Bambergers. Günther Rohdenburg hat im Jahre 2000 mit Das war das neue Leben: Leben und Wirken des jüdischen Kaufhausbesitzers Julius Bamberger und seiner Familie die Geschichte Bambergers nacherzählt. Und der Filmemacher Eike Besuden hat die Filme Aufgeben? Niemals! – Die Geschichte der Familie Bamberger und Generation Zukunft – Die Enkel des Holocaust über die Bambergers gedreht.

Zehntausende von jüdischen Arbeitern, die für Többens in Warschau und Umgebung Uniformen nähen, wandern ins KZ. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Többens, der mit einer Peitsche in der Hand durch seine Fabriken geht (sie aber natürlich nie benutzt hat, wie er im Prozess sagt), ist Großunternehmer, der größte Arbeitgeber im Getto. Ein Oskar Schindler mit umgekehrten Vorzeichen. In dem Bremer Spruchkammerverfahren hatte der Verteidiger von Többens ihn in einem fünfstündigen Plädoyer als einen Wohltäter darzustellen versucht. Und sich zu der Behauptung verstiegen: Lebten die Juden aus dem Warschauer Getto noch, so stünde Többens nicht vor einem Gericht, sondern im Goldenen Buch von Palästina. 1988 legen die Nachkommen von Walter Többens eine kriminelle Millionenpleite hin.

Vor Jahrzehnten ist ein Bundestagspräsident nach dem 9. November zurückgetreten, weil er ein schlechter Redner war. Denn wäre der Philipp Jenninger am fünfzigsten Jahrestag des 9. Novemer 1938 rhetorisch versierter gewesen, und wären die Zuhörer bereit gewesen, ein rhetorisches Mittel wie das der erlebten Rede als ein rhetorische Mittel zu erkennen und nicht als eine Meinung des Redners, nichts wäre geschehen. Vielleicht wäre Jenninger besser beraten gewesen, wenn er einen kurzen Text von Erich Kästner vorgelesen hätte:

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und den Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert). Dreimal ließ ich das Taxi anhalten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. [. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland - das nannte man Spontaneität. Ignatz Bubis hat übrigens ein Jahr nach Jenninger Teile aus Jennigers Rede vorgetragen. Es gab keine nationale Entrüstung.

Das Buch von Günther Schwarberg Das Getto: Spaziergang in die Hölle ist noch antiquarisch zu bekommen. Das Buch von Inge Marssolek und René Ott Bremen im Dritten Reich ist nach beinahe vierzig Jahren leider vergriffen (lässt sich aber noch finden). Man sollte sich bei Carl Schünemann und beim Senator für Kultur wirklich mal überlegen, ob man das nicht wieder auflegt oder online stellt. Wo man doch jetzt die Stadt des Buches ist. Der Kriegsverbrecher Walter Többens, den die historische Forschung jahrzehntelang unbeachtet gelassen hat, besitzt inzwischen einen Wikipedia Artikel und hier beim Weser Kurier eine informative Seite.

Dieser Text stand hier, seit ich 2010 zu schreiben begann, schon mehrfach in diesem Blog. Ich stelle ihn an diesem 9. November noch einmal hier hin, genügend Brandstifter haben wir in Deutschland ja wieder. Der Antisemitismus ist auch wieder da, nicht nur die Hetze im Netz, auch die Gewalttaten nehmen zu. Werfen Sie doch mal einen Blick in den Lagebericht des Bundesamts für Verfassungsschutz. Es ist schrecklich, aber es hört nie auf. Ich wollte in diesem Jahr diesen Text zur Reichskristallnacht einmal weglassen und stattdessen ein Gedicht hier einstellen. Ich dachte zuerst an Mörderrevier von Durs Grünbein, kam dann aber auf Erich Frieds Gedicht Diese Toten, das ich heute hier einstelle. 

Erich Fried lag mir näher als Durs Grünbein, weil er auch schon in einem Kapitel meiner Bremensien vorkommt. Nicht, weil er ein hübsches Gedicht mit dem Titel Rückfahrt nach Bremen geschrieben hat. Sondern weil sich mein Mitschüler Bernd Neumann 1977 in seinem Hass auf den jüdischen Emigranten in London zu der Forderung nach einer neuen Bücherverbrennung hat hinreißen lassen. Ja, so etwas würde ich lieber verbrannt sehen, das will ich Ihnen ganz eindeutig sagen! hat der damalige Bremer CDU-Vorsitzende über Frieds Gedicht Die Anfrage im Bremer Parlament gesagt. Als Horst Werner Franke Neumann aufforderte, den Satz zurückzunehmen, weil das ein ganz schlimmer Satz sei, stellt sich Neuman erst einmal dumm und fragt Welcher denn? Da sagt FrankeHerr Neumann, Sie haben den einen Satz gesagt, Sie hätten dieses Gedicht am liebsten verbrannt. Herr Neumann, Literatur, und das ist auch Literatur – ja, das ist auch Literatur, es gibt eine abscheuliche Literatur, und sie bleibt trotzdem Literatur –, Literatur, Herr Neumann, soll in diesem Land nie wieder verbrannt werden! Bernd Neumann nimmt seinen Satz nicht zurück. Er versucht sogar noch zu erreichen, dass die Lehrerin, die das Gedicht von Fried im Unterricht behandelt hat, disziplinar gemaßregelt wird. Dass man das vierundvierzig Jahre nach den Bücherverbrennungen von 1933 in Deutschland sagen kann, ohne dass man sofort aus dem Parlament fliegt, fasziniert mich heute noch. 

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen. Heinrich Heines Satz hat Bernd Neumann sicher nicht gekannt, er war nicht sehr gebildet. Eher ein bisschen doof. Für ihn haben wir uns in unserem Gymnasium damals schon ein bisschen geschämt. Hatte kaum das Abitur, da war er schon in der CDU. Ich schäme mich noch immer für ihn. Ein schwedischer Literaturkritiker hat beim Bergedorfer Gesprächskreis der Körber Stiftung 1978 gesagt: In einem Land mit einer starken demokratischen Tradition müsste ein Mann wie Herr Neumann nach einer solchen Aussage moralisch tot sein. Er sollte als ein viel gefährlicherer Förderer des Terrorismus angesehen werden, als alle seine intellektuellen Gegner. Ich würde das ja sofort unterschreiben, aber wir wir alle wissen, wurde er 2005 Staatsminister für Kultur. Als ihn Journalisten mit dieser Geschichte konfrontieren, ist der Satz von damals für ihn aus dem Zusammenhang gerissen. Wir tun uns in Deutschland schwer mit unserer Geschichte.

Ich habe die ganze Diskussion von damals, Zeitungsausschnitte, Flugblätter und offene Briefe, gesammelt und aufbewahrt, weil mir das so ungeheuerlich erschien. Ich glaube, ich werfe das mal jetzt weg. Oder vielleicht doch nicht, ich habe manchmal das Gefühl, es kommt alles wieder. Sechs Jahre nach dem politischen Skandal hat Erich Fried den Bremer Literaturpreis erhalten. Der Laudator war Herbert Heckmann, der vier Jahre später wieder als Laudator eine sehr schöne Rede für Erich Fried bei der  Verleihung des Büchner Preises gehalten hat.

Erich Fried: Diese Toten

Hört auf, sie immer Miriam
und Rachel und Sulamith
und Aron und David zu nennen
in eueren Trauerworten!
Sie haben auch Anna geheißen
und Maria und Margarete
und Helmut und Siegfried:
Sie haben geheißen wie ihr heißt

Ihr sollt sie euch nicht
so anders denken, wenn ihr
von ihrem Andenken redet,
als sähet ihr sie
alle mit schwarzem Kraushaar
und mit gebogenen Nasen:
Sie waren manchmal auch blond
und sie hatten auch blaue Augen

Sie waren wie ihr seid.
Der einzige Unterschied
war Stern den sie tragen mußten
und was man ihnen getan hat:
Sie starben wie alle Menschen sterben
wenn man sie tötet
nur sind nicht alle Menschen
in Gaskammern gestorben

Hört auf, aus ihnen
ein fremdes Zeichen zu machen!
Sie waren nicht nur wie ihr
sie waren ein Teil von euch:
wer Menschen tötet
tötet immer seinesgleichen.
Jeder der sie ermordet
tötet sich selbst

die Birnen in Nachbars Garten

Der Post  Mitleid mit der KI  hat bei vielen Lesern eine gewisse Heiterkeit hervorgerufen. Mein Freund Friedhard schrieb mir zu dem Thema:  ...