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Samstag, 15. August 2026

der Bremer Roland

Hier hat der bretonische Graf Roland, bedrängt von den Sarazenen, sein Signalhorn Oliphant ergriffen, um Hilfe herbei zu rufen. So sieht die Schlacht von Roncesvalles am 15. August 778 auf dem Gemälde von Louis-Félix Guesnet aus. In der Wirklichkeit hat es wohl nicht so ausgesehen wie auf diesem Gemälde, das 1.200 Jahre später entstand. Den Grafen Hruotland, den wir heute Roland nennen, den hat es gegeben. Das Horn Oliphant allerdings nicht. Und die Sarazenen sind keine Sarazenen, das sind christliche Basken, die sich dafür rächen wollen, dass Karl der Große auf seinem Spanienfeldzug ihre Stadt Pamplona vernichtet hat.

In Urkunden taucht der sagenhafte Roland eigentlich nur einmal auf, nämlich in der Vita Karoli Magni des fränkischen Abtes EinhardEs kam den Basken bei dieser Tat die leichte Bewaffnung und die Lage des Schlachtfeldes zustatten. Die Franken waren durch die Schwere ihrer Waffen und die ungünstige Örtlichkeit in allem gegen die Basken im Nachteil. In diesem Treffen wurden Eghart, des Königs Truchsess, der Pfalzgraf Anselm und Rodland (Roland), der Heerführer des bretannischen Grenzbezirks, nebst anderen getötet. 

Das sind die kärglichen Fakten, was bleibet aber stiften die Dichter, wie Hölderlin sagt. Alles, was wir über das Horn Oliphant, das Schwert Durendart, Rolands besten Freund Olivier und seine Verlobte Alde wissen, das wissen wir aus dem Rolandslied. Benutzen Sie bitte niemals Googles KI bei der Suche nach Rolands Verlobter Alde. Da bekommen Sie das Ergebnis: Ulrike Roland war die Verlobte des deutschen Serienmörders Arwed Imiela, dem sogenannten 'Blaubart von Fehmarn'. Zum Rolandslied habe ich hier eine sehr gute Seite; und aus dem chanson de geste habe ich schon einmal etwas vom Tod Rolands in dem Post La douce France zitiert. Und noch mehr zu diesem heldenhaften Roland stand hier schon vor zwölf Jahren am zwölfhundertsten Todestag von Charlemagne im Blog. Ich stelle den Text, der ein Kapitel aus meiner Autobiographie Bremensien war, einfach noch einmal ein.

Roland mit de spitzen Knee, segg maal, deit di dat nich weh, war unsere Bremer Version des Rolandliedes. Weil wir ja in Bremen einen Roland haben und schon in der Volksschule alles über diesen treuen Paladin und angeblichen Neffen von Karl dem Großen lernten. Wie er in der Schlacht von Roncevalles vergeblich in sein Horn Oliphant blies, damit Karl ihn hören könne. Und zurückkäme, um seine Nachhut zu retten. Das Bild hier zeigt Karl den Großen, wie er seinem Grafen Roland das Horn und das Schwert Durendart übergibt. Es stammt aus der Weltchronik des Rudolf von Ems, die ein Rolandslied enthält, geschrieben von einem unbekannten Autor, dem man den Namen Der Stricker gegeben hat. Die oben zitierten  plattdeutschen Knittelverse bestehen natürlich nicht nur aus zwei Zeilen. Vollständig heißt es: Roland mit dat kruse Haar, Wat he kickt so sunnerbar! Roland mit den Wapenrock Steiht so stief as wi een Stock. Roland mit de spitzen Knee, Segg maal, deit di dat nich weh.

Und dann gibt es da noch - bevor ich zum eigentlichen Rolandslied kommen kann - das Gedicht Roland, der Ries', am Rathaus zu Bremen von Friedrich Rückert, was angeblich ein Lied gegen Napoleon ist. Die Zeilen Wollten ihm Welsche Nehmen die Wacht und Wollten ihn Welsche Werfen in Nacht sollen sich dagegen richten, dass die Franzosen den Roland zerstückeln wollten. Rückert (der auch glaubte, dass Roland an langer Lanz lehnet) muss da etwas falsch verstanden haben: es sind nicht die Franzosen, die den Roland zerlegen und mit seinen Steinen den Marktplatz pflastern wollen. Es sind die Bremer Stadtplaner gewesen. Stadtplaner und Architekten sind ja für Städte ebenso verderblich wie Krieg und Bomben. Nach der lokalen Geschichtsklitterung soll eine Eingabe des amtierenden Maire von Bremen Dr Wilhelm Ernst Wichelhausen die Zerstückelung der Statue verhindert haben. Weil er kurzerhand Roland zu einem Heiligen machte: A l'exception d'une ancienne statue colossale sur notre marché représentant saint Roland, patron de la ville de Brème, qui est sans la moindre valeur esthetique il n'existe pas même un monument public digne d'etre mentionné. Und gegen Heilige können die Franzosen ja nichts sagen.

Geht's noch? Was sollten Napoleon irgendwelche Heilige interessieren? Die Eingabe von Wichelhausen, Sohn eines Weingroßhändlers (also aus der Aristokratie Bremens) und Professor am Gymnasium illustre, bezieht sich auf einen ganz anderen Vorgang. Eine Anfrage der Franzosen aus dem Jahre 1811 nach eventuellen Kunstschätzen, die man abtransportieren könne. Da schreibt er, dieser Roland sei ja nur sans la moindre valeur esthetique, das lohne den teuren Transport nicht. Und er hat eigentlich gar nichts gegen die neuen Pläne zur Neugestaltung des Marktplatzes, die unter anderem der Architekt Jacob Ephraim Polzin vorgelegt hat. 

Doch Paris stoppt den Abriss des Roland. Hat ein Bürokrat gesehen, dass da mit Karls treuestem Paladin, dem Markgrafen der bretonischen Mark, ein kleiner französischer Nationalheiliger auf dem Bremer Marktplatz steht? Der französische ingénieur en chef des Département des Bouches du Weser legt Widerspruch gegen seine eigene Regierung ein und verteidigt den geplanten Abriss des Rolands noch im Jahre 1813. Jacob Ephraim Polzin darf den Marktplatz nicht mit dem Elmkalkstein und dem Obernkirchener Sandstein (den auch Bremer Stein nennt) pflastern, aus dem der Roland besteht. Aber er darf diese Bibliothek am Domshof (im oberen Absatz) bauen. Und später unsere Kirche in Vegesack, eine der wenigen klassizistischen Kirchen, die nicht von Schinkel gebaut wurde.

Der Roland bleibt stehen, wo er steht. Kurz danach sind Tettenborns Kosaken in Bremen, und der Roland wird zu einem Freiheitssymbol, sozusagen zu Bremens Freiheitsstatue. Ein halbes Jahrhundert lang feiert man den 5. November als Tag der wiedererstandenen Freiheit und schmückt die Statue mit Blumen. Heute hängt man dem steinernen Weltkulturerbe zur Zeit des Freimarkts ein Lebkuchenherz um, auf dem Ischa Freimaak! steht. Ischa auch scheun. Er hat ein stilles Lächeln auf dem Gesicht, er nimmt alles ungerührt hin. Auch damals, als vor seinen Augen die Bremer Straßenbahnunruhen tobten. Und an den Tagen, an denen Werder Bremer Deutscher Meister wurde (das  kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen), soll er auch - Wat he kickt so sunnerbar! - sein Gesicht nicht verzogen haben.

Wir sind in Bremen nicht die einzigen, die einen Roland haben. Es gibt solche Statuen in mehreren Orten in Deutschland. Zum Beispiel in Bederkesa oder der hier in Bad Bramstedt, dieser Roland ist wahrscheinlich der nördlichste Roland. Es ist ein weiter Weg vom Tal von Roncevalles bis nach Bad Bramstedt. Der Roland von Bad Bramstedt ist auch schon alt, seit 1693 steht er da, vorher gab es hölzerne Rolande. Die hat es in Bremen auch gegeben, bevor man 1404 den steinernen Roland meißeln ließ. In einem Rechnungsbuch von 1405 kann man lesen: do na ghodes bord weren ghaen MCCCC und IIII ja, let dr rad to Bremen buwen Rolande von stene. Die Kosten wurden mit hundert unde seventich Bremer mark beziffert. Die Statue ist, bis auf die in den Jahrhunderten wechselnde Bemalung, beinahe noch original geblieben.

Nur den echten Kopf hat er nicht mehr, das Original ist heute im Bremer Focke Museum zu besichtigen. In Bremen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Landesamt für Denkmalpflege noch einen zweiten Roland in Reserve hat, aber das ist nicht wahr. Rembrandts →Nachtwache hatte man im Zweiten Weltkrieg zusammengerollt und in den Dünen bei Castricum versteckt, später unter der Erde im →Sint Pietersberg bei Maastricht. Der Bremer Roland wurde nicht abgebaut. Zuerst bekam er eine Holzverschalung, die danach zusätzlich mit Klinkern umgeben wurde. So hat er den Krieg unbeschadet überstanden. Besser als der Rest von Bremen.

Auf einer Tafel am Fuße des Rolands in Bad Bramstedt ist zu lesen: Symbol der Handelsgerechtsame im Ochsenhandel. Unser Bremer Roland hat natürlich nichts mit dem Ochsenhandel zu tun, er steht für die Freiheit der Stadt. Angeblich von Karl der Stadt verliehen: vryheit do ik ju openbar / d’ karl vnd mēnich vorst vorwar / desser stede ghegheuen hat. Steht drauf, muss wahr sein. Deshalb trägt Roland auf seinem Schild auch den Reichsadler, das Recht dazu verdankt Bremen einer gefälschten mittelalterlichen Urkunde. Manchmal wird die Symbolik auch etwas verändert wie auf diesem Photo. Da ist mir allerdings das Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak! lieber.

Karl gilt auch als Gründer von Bremen, weil er seine Missionare wie Willehad, der der erste Bischof von Bremen wird, zu den heidnischen Sachsen geschickt hatte. Er soll das Christentum nach Wigmodia (die Gegend zwischen Weser und Elbe) bringen. Das ist das Friedlichste, was Karl anordnet, normalerweise kommt er ja mit einem Heer und schlägt die Sachsen. Oder veranstaltet das Blutgericht von Verden. Wenn man heute Karl den Großen als ersten Europäer feiert, dann muss man auch sehen, dass dieses Europa mit Blut erkauft wurde. Willehad ist ein Engländer gewesen, weshalb die Bremer bis heute diese Anglomanie haben. Ja gut, ich weiß, dass es England noch gar nicht gibt, aber er kommt wirklich aus Northhumbria. Wie sein Freund Alcuin, der der wichtigste kulturpolitische Berater Karls gewesen ist (und den Krieg gegen die Sachsen verabscheute). Man nannte ihn den gebildetsten Mann Europas, er war sicher der Baumeister der Karolingischen Renaissance. Hätte Karl ihn nicht gehabt, würden wir heute nicht von einem Pater Europae, sondern von einem fränkischen Barbaren sprechen.

Oben sind die Karl und Willehad auf einem Gemälde (vermutlich von Bartholomäus Bruyn) aus dem 17. Jahrhundert zu sehen, das das Bremer Rathaus schmückt. Die Sache mit dem ersten Bischof ist etwas umstritten, die Stiftungsurkunde des Bistums von 788 ist auf jeden Fall eine Fälschung aus späterer Zeit. In Bremen, wie immer es damals ausgesehen haben mag, ist der Frankenkaiser selbst nie gewesen. Da ist er nur auf dem Gemälde im Rathaus zu sehen und wie hier (wieder mit Willehad, der einst Widukind taufte) im Bremer Dom.

Und es gibt noch ein kleines Denkmal für Karl, errichtet von dem Marschendichter Hermann Allmers hinterm Deich in Rechtenfleth. Angeblich ist Karl dort mit seinem Heer über die Weser gekommen, was wie alle Geschichten, die sich um ihn ranken, natürlich auch nicht stimmt. Und das ist das Problem mit all den schönen Geschichten, die sich um Karl den Großen und um den Grafen Roland ranken: die meisten halten der genauen Überprüfung nicht stand. Im Heimatkundeunterricht war das alles so schön eindeutig:

Als Kaiser Karl die Bremer zu Christen machen wollte, gab er ihnen auch das Recht Markt und Gericht zu halten. Zum Zeichen dafür stellten sie ein steinernes Ritterbild auf den Markplatz, Roland genannt. Roland war ein treuer Begleiter seines Kaisers. Eines Tages zog der Kaiser mit seinen Soldaten in den Krieg gegen Spanien. Auf dem Rückweg teilte er das Heer in zwei Gruppen. Roland führte die Nachhut. Im Gebirge wurden sie von den Spaniern überfallen. Roland blies in sein Horn, um den Kaiser zu Hilfe zu rufen. Aber er blies so stark, daß seine Halsschlagader platzte. Als Karl mit seinen Soldaten zurückkam, war Roland schon tot. So steht es im Heimatkundeheft des achtjährigen Jay, sorgfältig vom Verfasser mit Buntstift koloriert. Das nächste Kapitel dieses kleinen Historienbuches heißt Gräfin Emma und der Krüppel, dieser Krüppel ist angeblich zu Füßen des Rolands zu sehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie ist wahrscheinlich auch nicht wahr. In der Schule hat man Wahrheiten, später hat man nur noch Zweifel.

Das Horn Oliphant (ein Wort, das von Elephant kommt, weil es aus Elfenbein ist) kommt in der Geschichte in meinem Heimatkundeheft nicht vor. Die Sache mit der Halsschlagader findet sich nicht in allen Quellen, nach anderen Darstellungen zerstört Roland vor seinem Tod (Sie können hier von einem Blogger namens Dikigoros eine etwas schräge, aber hochinteressante Seite dazu lesen) Horn und Schwert. In einer anderen Darstellung erschlägt er im Sterben noch einen Sarazenen mit seinem Horn. Im altfranzösischen Rolandslied (hier im Volltext mit englischer Übersetzung) kommt das Wunderhorn, das man so weit hören konnte, natürlich vor:

Cumpainz Rollant l'olifan car sunez:
Si l'orrat Carles, ferat l'ost returner, 
Succurrat nos li reis od tut sun barnet.» 
Respont Rollant: «Ne placet Damnedeu 
Que mi parent pur mei seient blasmet 
Ne France dulce ja cheet en viltet!

Einz i ferrai de Durendal asez, 
Ma bone espee que ai ceint al costet: 
Tut en verrez le brant ensanglentet. 
Felun paien mar i sunt asemblez: 
Jo vos plevis, tuz sunt a mort livrez.


Wenn er jetzt das Horn blasen würde, hätte Karl ihn hören können (eine englische Übersetzung dieser Stelle finden Sie unter lxxxv. Aber das will Roland nicht, er will nicht in der Heimat als Feigling erscheinen, er will die Heiden sein Schwert Durendart kosten lassen. Heldentum und Nachruhm werden durch den Verzicht auf die Vernunft erkauft. Ritter wollen den Untergang, den dramatisch inszenierten Tod. Das können die Dichter auch besser verkaufen, vom Chanson de Roland bis zu Marion Zimmer Bradley. Bei einem Chronisten wie Einhard ist das alles nicht so spektakulär.

Da waren die Franken in das Tal hineingeritten, nichtahnend, dass die Basken (die sich Karl durch die Plünderung von Pamplona zu Feinden gemacht hatte) nur auf sie warten. Die haben das Hauptheer passieren lassen und stürzen sich jetzt auf den langsamen Tross und die Nachhut, drängen sie in die Tiefe des Tals und metzeln sie dann Mann für Mann nieder. Plündern den Tross und machen sich im Schutze der Nacht davon. Tausend Jahre später wird hier wieder eine Schlacht geschlagen, aber da sind die Gegner der Franzosen keine Sarazenen oder Basken, da sind es die Engländer unter dem Marquess of Wellington (hier im Bild).

Die Basken haben gegen Roland und sein Heer den Vorteil, dass sie die Gegend kennen und keine schweren Rüstungen tragen wie die Franken, die mit ihrer Reiterei auf diesem Grund und Boden geradezu unbeweglich sind. Des Königs Seneschall Eggihard, der Pfalzgraf Anshelm und Roland, Markgraf der Bretagne, werden mit vielen anderen fallen. Und man kann diese Schmach nicht einmal rächen, weil der Feind so schnell nach der Tat verschwunden war und es nicht den kleinsten Hinweis gab, wo sie seien: Neque hoc factum ad praesens vindicari poterat, quia hostis re perpetrata ita a dispersus est, ut ne fama quidem remaneret, ubinam gentium quaeri potuisset. So steht es bei Einhard in seiner Vita Karoli Magni, einer der Quellen für das Ereignis. Sparsam und nüchtern, alle Personen, die das Rolandslied bevölkern, fehlen hier. Lediglich eine Erwähnung des Hruodlandus Brittannici limitis praefectus. Wo ist der streitbare Bischof Turpin geblieben? Wo ist sein treuer Freund Olivier, der Roland drängte, das Horn zu blasen? Wo ist das Horn Oliphant? Das alles kommt - wie eingangs gesagt - später, wenn die Dichter die Geschichte erzählen.

Noch bevor das Chanson de Roland aufgeschrieben wurde, kann es mündliche Versionen gegeben haben. So findet sich im Roman de Rou des Wace die Erwähnung eines normannischen Barden namens Taillefer, der in der Schlacht von Hastings im Jahre 1066 ein Rolandslied singt:

Taillefer, qui mult bien chantout,
sor un cheval qui tost alout,
devant le duc alout chantant
de Karlemaigne e de Rollant,
e d'Oliver e des vassals
qui morurent en Rencesvals.


In Frankreich steht das Chanson de Roland, das im Verlaufe der Jahrhunderte zu einem Nationalepos wurde, noch auf dem Stundenplan der Schulen. Wenn man früher Romanistik studierte, musste man es auch kennen. Ich weiß noch, dass mein Freund Peter das in den Semesterferien übersetzte, das hielt mich davon ab, Romanistik zu studieren. Niemand hatte mir damals gesagt, dass man im Anglistikstudium Altenglisch (mit Willehad hätte ich mich prima unterhalten können) und Mittelenglisch lernen musste. Und Gotisch, Alt- und Mittelhochdeutsch im Germanistikstudium. Aus dem Mittelhochdeutschen stammt auch das Rolandslied des Pfaffen Konrad, wahrscheinlich im Auftrag von Heinrich dem Löwen geschrieben. Das gibt es im Netz leider in keiner neuhochdeutschen Fassung, Sie können hier die Schilderung vom Tod Rolands lesen. Wenn Sie das Ganze auf Mittelhochdeutsch lesen wollen, auch das gibt es hier. Das Ganze gibt es hier auch gesungen. Und wenn Sie noch mehr Roland haben wollen, könnten Sie hier noch Ariosts Rasenden Roland lesen. Können Sie aber auch lassen, ich habe es nie zu Ende gelesen. Der Reclam Verlag bietet eine neuhochdeutsche Übersetzung von Dieter Kartschoke an.

Wir haben in Bremen noch einen zweiten Roland, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Der wurde 1737 als Brunnenfigur in der Neustadt aufgestellt, wohin sich allerdings selten Touristen verirren. Er bekommt auch niemals ein Lebkuchenherz mit Ischa Freimaak umgehängt. Er stammt wahrscheinlich aus der im Teerhof gelegenen Werkstatt des Bremer Steinbildhauers Theophilus Wilhelm Frese. Der Rolandbrunnen wurde mit Versen von dem Sekretär des Bremer Rats Johann Hinrich Eggeling verziert:

Steh dan ruhig, Ruhland-Bild, 
steh standvest und unerschüttert 
unter Deines Kaysers Schild. 
Las den Neid schon sein erbittert, 
bleibt Dich Gott und Karol hold, 
gläntst Dein Glück und Segenshold, 
bis die ganse Rund zersplittert.


Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, das des Strickers und die Verse Friedrich Rückerts sind nicht die einzigen Zeugnisse des Weiterlebens des bretonischen Grafen in der deutschen Literatur. Er taucht noch einmal an einer Stelle auf, die den Bremern meistens bekannt ist, nämlich in Hauffs Phantasien im Bremer RatskellerDas steinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies hörte, die gemeißelten Züge verschönerte ein sanftes Lächeln, und vergnüglich schaute er in den Becher. »Engelheim! du süßer, trauter Name!« sprach er, »Du edle Burg meines ritterlichen Kaisers; so nennt man also noch in dieser Zeit deinen Namen und die Reben blühen noch, die Karl einst pflanzte in seinem Engelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt, und von dem großen Karolus, seinem Meister?« »Das müßt Ihr den Menschen dort fragen«, erwiderte Judas, »wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt sich Doktor und Magister, und muß Euch Bescheid geben können über sein Geschlecht.« Der Riese richtete sein Auge fragend auf mich und ich antwortete: »Edler Paladin! Zwar ist die Menschheit in dieser Zeit lau und schlecht geworden, ist mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor-, nicht rückwärts, aber so elend sind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrlichen Gestalten gedächten, die einst über unsere Vatererde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die sich hinüberretten in die Vergangenheit, wenn die Gegenwart zu schal und trübe wird, die höher schlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die Ruinen wandlen, wo einst der große Kaiser saß in seiner Zelle, wo seine Ritter um ihn standen, wo Eginhard bedeutungsvolle Worte sprach und die traute Emma dem treusten seiner Paladine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures großen Kaisers ausspricht, da ist auch Roland unvergessen, und wie Ihr ihm nahestandet im Leben, so enge seid Ihr mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Tal von Ronceval durch die Erde und wird tönen, bis er sich in die Klänge der letzten Posaune mischt.« »So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!« sprach der Ritter, »die Nachwelt feiert unsere Namen.«

Karl der Große ist am 28. Januar 814 in Aachen gestorben. Nicht auf dem Schlachtfeld wie Roland, sondern im Bett. Wie man damals stirbt, wenn man ein Herrscher ist, hat uns der französische Historiker Georges Duby in seinem Buch Guillaume le Marechal oder der beste aller Ritter eindrucksvoll vor Augen geführt. Eindrucksvoller und lebendiger ist selten das Mittelalter zugänglich geworden, schrieb damals der Rezensent der FAZ. Ich zitiere mal eben ein Häppchen aus Dubys Buch: Die schönen Tode in jener Zeit sind Feste; sie entfalten sich wie auf einer Bühne vor einer Vielzahl von Zuschauern, die jede Geste, jedes Wort aufmerksam verfolgen, die vom Sterbenden erwarten, daß er zeigt, was er gilt, daß er seinem Rang gemäß spricht und handelt. Wir, die wir nicht mehr wissen, was der prunkvolle Tod ist, die wir den Tod verstecken, ihn wie eine peinliche Angelegenheit hinter uns bringen, verfolgen wir Schritt für Schritt, in den Einzelheiten seines Ablaufs, das althergebrachte Ritual des Todes, der kein verstohlener Abgang war, sondern eine langsame, geregelte, geordnete Annäherung, Vorspiel, feierlicher Übertritt von einem Zustand in einen anderen, ebenso majestätisch wie der Einzug der Könige in ihre guten Städte. 

Die Stadt Bremen trug 2014 zu der Feier von Karls zwölfhundertsten Todestag mit einem etwas kläglichen Spektakel bei: im Januar versank die für fünf Millionen Euro gebaute Hansekogge Roland von Bremen in der Weser. Inzwischen schwimmt sie wieder.

 

Montag, 10. August 2026

die Birnen in Nachbars Garten

Der Post Mitleid mit der KI hat bei vielen Lesern eine gewisse Heiterkeit hervorgerufen. Mein Freund Friedhard schrieb mir zu dem Thema: Lieber Jay! Ein einziger Versuch reicht mir, sie in dem Mülleimer zu lassen, in den sie gehört. Meine Frage war: Wer oder was ist 'Die Köstliche von Charneux'? Richtige Antwort: Eine alte Birnensorte, heute eher bekannt als 'Bürgermeisterbirne'. Antwort der KI: 'eine Erzählung von Georges Simenon'. Heitersten Gruß Dein Friedhard. Googles KI hat inzwischen etwas gelernt, sie kennt jetzt schon die richtige Antwort. KI und Birnen brachten mich auf die Birnen in Nachbars Garten. den Titel dieses Posts. Es geht hierbei nicht um das berühmte Gedicht von Theodor Fontane, nein, unsere Nachbarn (in dem Haus links auf dem Photo) hatten Birnbäume im Garten. Diese Birnen, über den Gartenzaun geschenkt, waren ein Teil meiner Jugend. 

Als Googles KI neu war, gab ich unseren Nachbarn, den Oberingenieur Bruno Trube vom Bremer Vulkan, dort ein. Erfuhr, dass es ihn nicht gibt: Der Begriff 'Trube Bremer Vulkan Vegesack' bezieht sich auf die Bremer Vulkan-Werft in Bremen-Vegesack, einem Stadtteil von Bremen, der für seine maritime Geschichte bekannt ist. Der Begriff 'Trube' ist hierbei nicht offiziell, sondern bezieht sich wahrscheinlich auf die dunklen Zeiten und den Konkurs des Unternehmens. Es ist immer wieder interessant zu sehen, was sich die KI aus den Fingern saugt und von Trube zum Trüben kommt. Allerdings steht Bruno Trube schon seit 2017 in meinem Blog, das hätte die KI lesen können:

Ich bin über die genauen Daten aller Stapelläufe immer bestens informiert. Mein Vater hat viele Werftarbeiter als Patienten, und die erzählen ihm alles, was auf der Werft so läuft. Und unser netter Nachbar Bruno Trube mit den hübschen blonden Töchtern (beide Stewardessen, ein neuer Beruf in den fünfziger Jahren, aber leider beide zu alt für mich) ist Oberingenieur beim Vulkan. Der weiß auch alles über die Werft. Nach seinem Tod wird ein richtiger Vulkandirektor neben uns einziehen, durch den ich eines Tages auch den Besitzer des Bremer Vulkans, den Baron Hans Heinrich Thyssen, kennenlernen werde. Natürlich auf der Strandstraße. In einem kleinen Ort wie diesem braucht man eigentlich keine Zeitungen und kein Radio, alles wird weitererzählt. Den Skandal um den planlosen Umbau des Tenders 'Neckar' für die Bundesmarine erzählen die Lürssen Arbeiter meinem Vater Jahre bevor der Bundesrechnungshof merkt, was das den Steuerzahler gekostet hat.

Gut, da fehlen jetzt die über den Zaun geschenkten Birnen, die ich nie vergessen habe. Ich weiß allerdings nicht, ob es die Köstlichen von Charneux waren. Und die hübschen blauen Lufthansa Uniformen seiner beiden Töchter habe ich auch weggelassen. Auch die Geschichte, wie Bruno Trube zwei auf dem Bürgersteig vor seinem Haus kopulierende Hunde mit einem Eimer Wasser voneinander trennte, was mir als kleinem Jungen großen Eindruck machte. 

Wenn ich Googles KI heute nach Bruno Trube frage, erfahre ich mehr als im Oktober des letzten Jahres: Bruno Trube war ein deutscher Ingenieur, der als Oberingenieur bei der renommierten Großwerft Bremer Vulkan in Bremen-Vegesack tätig war. Hintergrund und Wirken Berufliche Rolle: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Zeitliche Einordnung: Seine aktive Zeit und sein Leben in Bremen-Nord fielen in die Nachkriegszeit sowie in die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders (1950er Jahre). Zu dieser Zeit erholte sich der Bremer Vulkan im Vergleich zu anderen zerstörten Werften wie der AG Weser sehr schnell und entwickelte sich zügig zu einer voll wettbewerbsfähigen Großwerft. Privates: Trube lebte mit seiner Familie in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren in Bremen. Seine beiden Töchter arbeiteten in den 1950er Jahren in dem damals noch sehr neuen Berufsfeld der Stewardess. Der Link im Text führt zu meinem Blog, bei dem sich die KI dankbar bedient hat. 

Getretener Quark wird breit, nicht stark, sagt uns Goethe. Google hat drei Fakten, Namen und Beruf von Bruno Trube und die beiden Töchter bei der Lufthansa. Der Rest ist frei erfundenes KI Gesülze: Als Oberingenieur gehörte Bruno Trube zum erweiterten Führungskreis und zu den technischen Wissensträgern der Werft. Er galt in seinem Umfeld als ausgewiesener Experte, der tiefen Einblick in sämtliche Abläufe, Konstruktionen und Interna des Schiffbauunternehmens besaß. Klingt toll, sagt in Wirklichkeit gar nichts und ist in Details immer wieder falsch: Bruno Trube lebte mit seiner Familie keineswegs in der direkten Nachbarschaft von Werftangestellten und späteren Vulkan-Direktoren. Die Werftangestellten lebten einen Kilometer weiter unten neben der Werft. Hier oben waren nur →Kapitänshäuser, wie ich schon einmal schrieb: Die Kapitäne waren stolz auf ihre Haustüren, deren Holz sie aus der Südsee mitgebracht hatten. Nebenan, wo damals der Oberingenieur vom Vulkan Bruno Trube wohnte, hat einmal Dr Albrecht Roth sein Haus gehabt. Der hatte am Weserufer einen Park angelegt. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. 

Der Werftdirektor, der nach den Trubes in dem Haus neben uns wohnte, war Dr Ado Schiff (1922-1999). Der wird auch schon in dem Post Wittheit erwähnt: es gibt auch Themenbände. Wie diesen hier: 'Lebensraum Bremen-Nord: Geschichte und Gegenwart', 1989 bei Heinrich Döll in Bremen erschienen. Darin schrieb unser Nachbar Dr Ado Schiff über die Werften des Ortes, das fiel ihm leicht, denn er war der Direktor des Bremer Vulkans. Wenn ich Ado Schiff bei Googles KI eingebe, bekomme ich ein Schiff namens Adora geliefert. Ich weiß inzwischen, dass Googles KI selten wirklich gute Ergebnisse liefert, aber immer für Heiterkeit sorgt. Wahrscheinlich sind die besten bisherigen Ergebnisse der KI die KI Schlampen auf den Pornoseiten.

Als Ado Schiff den Vulkan verließ, zog er angeblich in eine neugebaute Villa in Leuchtenburg, in der es goldene Wasserhähne gab. Das Kleinstadtgeschwätz bringt erstaunliche Dinge zustande, Erzählungen, die den Wahrheitsgehalt eines KI Artikels haben. Dr Ado Schiff, ein gebildeter, eleganter Mann, war nach Augsburg gezogen. Wo er im Ruhestand eine Geschichte seiner ursprünglich jüdischen Elsflether Reederfamilie schrieb. In drei Bänden, die alle in Augsburg erschienen: Der literarische Nachlass meines Großvaters Adolf SchiffDie Reedereien von Joseph und Adolph Schiff 1841 bis 1907 und Die Familiengeschichte der Schiffs zu Elsfleth. Man kann die Bände antiquarisch noch finden.

In meinem Heimatort schien jeder ein Kapitän zu sein, alle Männer trugen Elbsegler oder Prinz Heinrich Mützen (mein Vater auch). Viele standen den halben Tag am Anleger der Dampfer der Schreiber Reederei oder am Utkiek und guckten auf das Wasser. So wie es Herman Melville im Kapitel Loomings von Moby-Dick beschreibt: Look at the crowds of water gazers there ... Posted like silent sentinels all around the town, stand thousands upon thousands of mortal men fixed in ocean reveries. Dies ist nicht New York, dies ist eine kleine Hafenstadt an der Weser, mit Heringsloggern, Werften und Segelmachern. Es sind auch keine tausende, die da stehen. Bestenfalls zwei Dutzend, aber auch sie haben ihre ocean reveries. Man könnte sie für Arbeitslose halten, die nichts mit sich anzufangen wissen, aber die meisten von ihnen sind wirklich zur See gefahren. Viele als Kapitän oder Steuermann. Sie haben alle diesen leeren Blick in die Ferne. Dieser Mann hier heißt Friedrich Hennemann, er hat diesen leeren Blick, weil er den Bremer Vulkan ruiniert hat. 

Hennemann war gelernter Apotheker. Dank seines SPD Parteibuchs wurde er Senatsdirektor und eines Tages Direktor des Vulkans. Er war ein Mann der ganz großen Pläne, hatte Visionen wie Donald Trump, der den Gazastreifen zur Riviera des Nahen Ostens machen wollte. Hennemann träumte davon, durch Diversifizierung einen weltumspannenden maritimen Technologie Konzern schmieden zu können. Die örtlichen Zeitungen höhnten, dass er sich offenbar einbilde, wie Jesus über das Wasser laufen zu können. Hennemann hätte lieber Petronius lesen sollen: Si bene calculum ponas, ubique naufragium estWilfried Huismann und Klaus Schlösser haben über den Chef der Vulkanesen den Film ✺Machtspieler: Friedrich Hennemann und der Untergang des Bremer Vulkan gedreht, der 1999 zu Recht den Grimme Preis erhielt.

Den Baron Heini Thyssen (hier von Lucian Freud gemalt), der mir einmal die Hand geschüttelt hatte, interessierte der Untergang der Werft nicht, der hatte schon 1980 begonnen, sich von seinen Aktien zu trennen. Aber das Ende der Werft war nicht unvermeidlich. Auf der anderen Weserseite, gegenüber vom Vulkan, zeigt die Werft von Fidi Lürssen, dass man bis heute mit Erfolg Schiffe bauen und verkaufen kann.


Sonntag, 3. Mai 2026

Weserfähren

Wenn man klein ist, Huckleberry Finn gelesen hatte, aber statt des Mississippi nur die Weser vor der Tür hatte, dann war die einfachste Art, Schiffsplanken unter die Füße zu bekommen, die Fähre nach Lemwerder zu nehmen. Wenn man nicht auf dem Anleger der Schreiber Reederei Schlepperkapitäne so lange anbettelte, dass sie einen auf einer Leerfahrt bis nach Farge mitnahmen. Da mußte man aber Geld für den Bus mit dabeihaben, um wieder nach Hause zu kommen. Das erzählte man nie den Eltern. 


Die Fähre über die Weser gibt es schon seit dem 13. Jahrhundert, das ist urkundlich belegt. Fähre bedeutete durch die Jahrhunderte Ruderboote. Für den Personenverkehr wurden noch bis ins 20. Jahrhundert Ruderboote eingesetzt. In den fünfziger Jahren gab es die Ruderboote noch auf der Lesum: man schlug eine Glocke am Ufer an, und schon kam der Fährmann mit dem Ruderboot. Wie hier auf dem Photo mit der Moorlosen Kirche im Hintergrund, das um 1890 gemacht wurde.

Seit dem 30. April 1889 gab es die dampfgetrieben Fähre Frieda, die für fünf Pfennig fünfunddreißig Menschen von Vegesack nach Lemwerder beförderte, das war ein großes Ereignis. Pferdefuhrwerke kosteten 1,50 Mark. Die Fähre war nicht bei uns gebaut worden, obwohl wir im Ort Werften genug hatten. Die Frieda kam von der Sächsischen Dampfschiff-und Maschinenbauanstalt Dresden. Mit der Zeit wurden die Fähren größer. In den zwanziger Jahren übernahm Wilhelm Niekamp aus Lemwerder den Fährverkehr, seitdem hatte diese Familie die Weserfähren unter sich. 1993 wurde die Fähren Bremen-Stedingen (FBS) gegründet, an der das Land Bremen einen Anteil hat.

Niekamp ließ bei Lürssen 1924 die kleine Hol Ober bauen, die dann später die Badegäste zum Schönebecker Sand brachte, da passten doppelt so viele drauf wie auf die Frieda. 1935 wurde die Stedingen bei Abeking gebaut, die noch bis 1969 fuhr. Da passten schon 260 Personen drauf. Die zweite Stedingen von 1972 schwimmt jetzt in Irland als Mary Fitzgerald. Manchmal hatten Auofahrer Schwierigkeiten, mit dem Auto wieder von der Fähre zu kommen, so wie der Fahrer des Borgwards hier. Aber das war eine Ausnahmesituation, das war die Sturmflut 1962, es war erstaunlich, dass die Fähren da überhaupt fuhren.

Die Fährleute waren gewieft darin, die Fähren so voll wie möglich zu kriegen. Erst wenn die Fähre voll wie eine Sardinendose war, fuhr sie ab. Manchmal, wenn man das letzte Auto war, gab es Unterlegkeile für das Auto, und das Heck des Wagens schwebte über der Weser. Da habe ich auf dem Rücksitz immer gebibbert. Und gebetet, dass wir nicht rückwärts in die Weser kippen. So etwas passiert heute nicht mehr, die Fähren sind nicht mehr lindgrün wie die alte Stedingen. Es sind bunte, stromlinienförmige Monster, die im Zehnminutentakt verkehren. Die Fährromantik ist dahin. Heute werden beinahe drei Millionen Fahrgäste jährlich zwischen Vegesack und Lemwerder befördert.

Ein bisschen Romantik ist noch auf diesem Bild, das die Direktorin des Overbeck Museums Dr Katja Pourshirazi dem Publikum zeigt. Fritz Overbeck hat hier um 1906 die Fähre Frieda gemalt, vielleicht ist das kleine Mädchen im blauen Kleid ganz rechts seine Tochter gewesen. 

Das kleine Bild (Öl auf Karton - 36 x 46 cm) ist das beliebteste Bild des Museums. Sie ist unsere 'Mona Lisa', hat Katja Pourshirazi über Overbecks Fähre Frieda gesagt. Vielleicht sollte man das Bild Mona Frieda nennen.

Dienstag, 14. April 2026

in vino veritas

Der Mann, der heute vor 195 Jahren geboren wurde, war schon einige Male in diesem Blog. Das liegt daran, dass ich aus dem gleichen Ort wie er komme und mein Gymnasium seinen Namen trug. Die Straße, die quer durch unseren Ort führt, trägt auch seinen Namen. Sein Geburtshaus steht nicht mehr, aber an dem Neubau ist ein Schild, auf dem Afrikaforscher Gerhard Rohlfs steht. Vor einhundertfünfzehn Jahren wollte man im Ort ein riesiges Denkmal errichten, das den ehemaligen Konsul von Sansibar als Kamelreiter zeigte, aber den Plan hatte man fallengelassen. Das Londoner Victoria & Albert Museum besitzt ein Photo von dem Entwurf des Bildhauers Kurt Edzard. Jetzt gibt es für Rohlfs seit 1961 ein Denkmal von dem Bremer Bildhauer Paul Halbhuber. Eine beinahe fünf Meter hohe Bronzesäule, auf deren Reliefs Bilder seiner afrikanischen Reiseerlebnisse zu sehen sind. Sie können hier den ✺Künstler bei der Vollendung seines Werks sehen. 

Alles zu dem Afrikaforscher aus Vegesack finden Sie in den Posts: Gerhard RohlfsSansibarAfrikaorientalischEmily RueteDie Prinzessin von SansibarStraßenzeitschrift. Und ein Gedicht zu Rohlfs habe ich heute auch, ein kleines satirisches Gedicht von Ferdinand Freiligrath. Ich zitiere daraus einmal die erste Strophe: 

Bei Tunis und weiter südlich,
Querhin durch Afrika,
Da ist es ungemütlich,
Heiß brennt die Sonne da.
Das Land ist sandig und dürre,
Man nennt das Wüstenei;
Der Vogel Strauß, ganz kirre,
Legt häufig dort ein Ei.

Den Rest des Gedichts von Freiligrath aus dem Jahre 1875 können Sie hier lesen. Das Gedicht hat den seltsamen Titel Zur Feier der abermaligen Aufweichung des berühmten Afrikareisenden Gerhard Rohlfs in der Neckarsulmer Aufweichungs-Anstalt für eingetrocknete Wüstenpilger. Das ist erklärungsbedürftig, sehr erklärungsbedürftig. Die Seite der Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V. hilft uns da weiter. Dort können wir nämlich über Freiligraths Freund, den Neckarsulmer Oberamtsrichter Wilhelm Ganzhorn, lesen:

Ganzhorn war ein begeisterter Weinliebhaber. Im Garten des Neckarsulmer Oberamtsgerichts und in einem gepachteten Weinberg baute er selbst Wein an. Er war Mitglied der Gesellschaft für Weinverbesserung und beteiligte sich 1873 erfolgreich mit mehreren Weinen an der Weltausstellung in Wien. Vor allem aber verstand er es, Freude am Wein zu vermitteln und zu teilen. Er brachte viele Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, wobei der Wein als verbindendes Element diente. Im Freundeskreis hatte er den Namen Der trinkbare Mann. Als besonderen Kellerschatz pflegte er ein Fass aus dem 1811er Kometenjahrgang, der freilich regelmäßig durch vorzügliche neuere Jahrgänge aufgefrischt wurde. G. bezog regelmäßig Weine von den besten Erzeugern, die er im Keller des Oberamtsgerichts ausbaute. Dorthin lud er Dichterfreunde und Honoratioren ein, um die Weinkultur zu zelebrieren, mit Gesang, Gedichten, Kellerumzügen und schauspielerischen Einlagen. Weingenuss war für ihn Anregung, bereicherte das Lebensgefühl und steigerte die geistige Empfänglichkeit. Sein Musenkeller übte überregional eine starke Anziehungskraft aus. 1870 war der berühmte Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (1831-1896) zu Gast. Daraufhin begründete G. im Neckarsulmer Oberamtsgerichtskeller die Aufweichungsanstalt für Afrikareisende, um ausgetrocknete Forscher nach heißer Wüstenfahrt zu akklimatisieren. Neben Rohlfs ließen sich dort auch Karl Mauch (1837-1875) und Gustav Nachtigal (1834-1885) behandeln – vorzugsweise mit Kometenwein.

Das Gedicht auf den in der Wüste vertrockneten Afrikaforscher, der im Ganzhornsche Weinkeller mit Wein wieder aufgeweicht wird, ist also nichts als ein literarischer Scherz, mit dem Freiligrath seinem Freund Ganzhorn (die beide alte 1848er waren) eine kleine Freude machen wollte. Und das Gedicht  ist bestimmt im Weinkeller zum ersten Mal vorgetragen worden. Ganzhorn war übrigens selbst ein Dichter, ein klein wenig auf jeden Fall. Denn seit den Studententagen hat er Gedichte geschrieben. Nicht so viele haben überlebt, einen Text kennen wir aber alle. Weil wir es für ein altes Volkslied halten, aber es war Wilhelm Ganzhorn, der 1851 ✺Im schönsten Wiesengrunde schrieb. Habe ich natürlich auch hier, gesungen von Rudolf Schock.

Sonntag, 25. Januar 2026

Grönland

Müssen die Bewohner des kleinen Kaffs Grönland in Schleswig-Holstein jetzt Angst vor Donald Trump haben? Wahrscheinlich weiß er nicht, wo dieses Grönland liegt. Er verwechselt ja ständig Orte und  Länder. Letztens redete er von Island, meinte aber wohl Grönland. Viele Amerikaner haben Schwierigkeiten mit dem Lesen von Landkarten. Vor Jahrzehnten haben die Amerikaner bei einem militärischen Planspiel Kiel statt Kiew bombardiert, ist ja so ähnlich.

Als ich klein war, wusste ich auch nicht so genau, wo Grönland war. Aber ich wusste, dass es etwas mit meinem Heimatort zu tun hatte. Denn von Vegesack aus machte man Jagd auf den Grönlandwal (Balaena mysticetus), der im 18. Jahrhundert noch in riesigen Mengen herumschwamm. Man nannte die Wale die Goldminen des Nordens, denn mit Walfang und Robbenschlag konnte man reich werden. 

Dass wir in Vegesack zum Ausgangspunkt der Bremer Grönlandfahrt wurden, verdanken wir dem Hafen, den holländische Fachleute vor vierhundert Jahren gebaut haben. Die Weser war versandet, große Schiffe konnten Bremen nicht mehr erreichen. Schon 1653 war für die Grönlandfahrt eine bremische Grönland-Compagnie gegründet worden. Über tausend bremische Schiffe fuhren in der Zeit von 1695 bis 1798 ins Polarmeer. 

Nicht alle kommen zurück, sie sinken im Sturm oder werden im Packeis zerdrückt. Die Holländer beherrschen das Geschäft, aber es sind nicht nur die Bremer, die beim Walfang und Robbenschlag mit ihnen konkurrieren. Da sind noch Hamburg und Schleswig-Holstein. Über die Walfänger aus Schleswig-Holstein hat die aus einer Walfängerfamilie stammende LehrerinWanda Oesau 1937 das Buch Schleswig-Holsteins Grönlandfahrt auf Walfischfang und Robbenschlag geschrieben, das noch immer als Standardwerk gilt.

1596 entdeckte der Holländer Willem Barents Spitzbergen, und wenig später gründen die Holländer die Groenlandsche Maatschappij. Nun sind Spitzbergen und Grönland zwei verschiedene Inseln, weshalb der Name Groenlandsche Maatschappij? Sie wussten es nicht besser, sie hielten das, was sie gerade entdeckt hatten, für den Osten von Grönland. Der größte Teil der Grönlandfahrt der norddeutschen Walfänger geht nicht nach Grönland, der geht nach Spitzbergen. Lesen Sie dazu mehr auf dieser Seite des Bamberger Geographieprofessors Erhard Treude.

Um 1830 will der Vegesacker Werftbesitzer Johann Lange, der seine Werft direkt neben dem Hafen hatte (hier ein Bild aus dem Jahre 1835) auch in das Walfanggeschäft einsteigen. 1843 wurde in Vegesack eine Aktiengesellschaft zum Zweck der Grönlandfischerei gegründet, aber es geht mit dem Walfang zu Ende. Als Herman Melville 1851 Moby-Dick schreibt, ist die große Zeit des Walfangs vorbei. Das letzte Schiff, das den Vegesacker Hafen 1865 für eine Grönlandfahrt verlässt, heißt Aurora. Sie können seine Geschichte auf der informativen Seite des Focke Museums lesen. 

Ein Schiff namens Grönland gibt es heute noch. Es wurde 1867 in Norwegen gebaut, dem Land, dem Grönland bis zum Kieler Frieden 1814 gehörte. 1868 nahm das Schiff an der Ersten Deutschen Nordpolar-Expedition teil. Heute gehört es dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Es ist immer noch seetüchtig. Das Deutsche Schifffahrtsmuseum hat zu dem Schiff hier eine interessante Seite.

Das letzte Bremer Schiff, das von der Grönlandfahrt zurückkehrt, ist 1872 die Hudson der Bremer Reederei B. Grovermann & Co. Danach wurde der Walfang eingestellt. Im Fischfang werden die Vegesacker noch bleiben, nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Flotte ihrer Heringslogger (lesen Sie mehr in Heringe) die größte Europas. An dem Walfang der Nationalsozialisten vom 1933 bis 1939, als Walter Rau aus Hilter seinen Schlachthof auf hoher See aufmachte, hatten wir keinerlei Anteil. Die Zeugnisse der Grönlandfahrt kann man in Norddeutschland heute noch sehen, wie hier auf dem Friedhof von Wyk auf Föhr oder dem Vegesacker Utkiek, wo zwei Walkiefer stehen. Vieles findet sich in Museen, noch mehr in Büchern.

Eins der ersten Bücher ist Die arktische Fischerei, wie sie von der Weser aus betrieben wurde von dem Bremer Lehrer Bernhard Ahlers, das 1911 erschien und 1988 wieder aufgelegt wurde. Es ist aus Liebhaberei geschrieben, hat aber wissenschaftlich wenig Bestand. Es kommt nicht an die Schriften von Wanda Oesau (die das Detlefsen Museum in Glücksstadt auf seiner Seite würdigt) oder Joachim Münzing heran. Den Leiter der Naturkundlichen Abteilung des Altonaer Museums muss ich unbedingt noch nennen, weil er 1975 die Ausstellung Wale und Walfang in historischen Darstellungen gemacht hatte. Und drei Jahre später das Buch Die Jagd auf den Wal: Schleswig-Holsteins und Hamburgs Grönlandfahrt folgen ließ. Ich habe Dr Münzing 1976 kennengelernt, als ich mit Dr Joachim Kruse die Schleswiger Moby-Dick Ausstellung vorbereitete. Der Münzing wusste viel über Wale und Walfang, unglaublich viel.

Über Grönland weiß Donald Trump, der das Land haben möchte, weil da nur russische und chinesische Schiffe drumherumfahren, nicht sehr viel. Eigentlich gar nix. Das hat er gerade wieder bewiesen, als er dieses AI generierte Bild postete. Donald, mal ganz langsam zum Mitschreiben: es gibt in Grönland keine Pinguine. Das Bild enthält aber auch eine Hoffnung in sich: der kleine Kerl mit der amerikanischen Flagge hat den Donald ganz fest an die Hand gekommen. Und jetzt geht er mit ihm immer weiter. Bis in die Antarktis. Und verabschiedet sich dort höflich von ihm. Von da unten kommt Trump nie zurück.

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der Bremer Roland

Hier hat der bretonische Graf Roland, bedrängt von den Sarazenen, sein Signalhorn Oliphant ergriffen, um Hilfe herbei zu rufen. So sieht die...