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Sonntag, 3. Dezember 2023

Admiral Brommy


Was steigt denn da am Horizont für'n schwarzer Rauch empor? Das ist des Kaisers Segelyacht, die stolze Meteor, dichtete man vor hundert Jahren an der Küste. Ja, unser Kaiser und sein Flottenwettrüsten. Weil er eine Kaiserliche Marine haben wollte, so wie die Engländer eine Royal Navy haben. Die Royal Navy hat England groß gemacht, 1588 die spanische Armada geschlagen, im 18. Jahrhundert die halbe Welt erobert. Eine Royal Army haben die Engländer nicht, seit sie die Demokratie erfunden haben, achten sie argwöhnisch darauf, dass der Monarch keine Armee hat. Wenn das englische Parlament dem Verteidigungshaushalt nicht zustimmen würde, wäre die englische Army aufgelöst. Aber die Navy, die ist royal, und die Flotte rules the waves.

So etwas möchte Willem auch haben, seit der Admiral Mahan die Bedeutung von See- und Landstreitkräften am Beispiel von Wellingtons Spanienfeldzug verdeutlicht hat. Also wird Wilhelmshaven (vulgo Schlicktown) gebaut und das verschlafene Kiel wird zur Marinestadt. Und die Sektsteuer wird erfunden, für die Finanzierung der Schlachtschiffe. Wir haben keine Schlachtschiffe mehr, und wir brauchen auch nicht mehr die Preußen durchzufüttern, aber die Sektsteuer haben wir immer noch. Denken Sie mal dran, wenn Sie eine Bouteille Heidsieck oder Pommery & Greno aufmachen (ich erwähne diese beiden Marken nicht, weil ich mit denen einen Werbevertrag habe, sondern weil sie 1905 in Bremen dem Kaiser während eines Festessens serviert wurden). Unsere Flotte verteidigt unsere Freiheit am Horn von Afrika, fragen Sie jetzt nicht nach dem Wie und Weshalb oder nach der Begründung der Sektsteuer. Am Horn von Afrika schwimmt alles, was einsatzfähig ist, der Rest rottet auf Reede. Kann nicht repariert werden, weil die Marine kein Geld hat. Schreiben alle Zeitungen in diesen Tagen.

Brauchen wir überhaupt eine Marine? Wir sind jahrhundertelang ohne sie ausgekommen. Es würde ja ausreichen, wenn wir eine Küstenwache hätten. Vor Willems Großmannssucht hatten wir nur zweimal eine Marine. Einmal zur Zeit des Großen Kurfürsten, und das zweite Mal unter Admiral Brommy. Den kennen Sie jetzt nicht? Der ersten deutschen Flotte Admiral, wie Hermann Allmers für seinen Grabstein gedichtet hat? Also ich kenne ihn von klein auf, weil der Mann, der Brommy als Befehlshaber der ersten deutschen Flotte nach Deutschland geholt hatte, mal im 19. Jahrhundert bei uns gegenüber gewohnt hat. Eine riesige Gedenktafel erinnerte an den Gründer der deutschen Reichskriegsflotte.

Auf jeden Fall solange, bis der Besitzer des Hauses den Landsitz des Bremer Bürgermeisters und deutschen Handelsministers Arnold Duckwitz aus dem 19. Jahrhundert abreißen ließ (das hier ist jetzt das einzige Bild der Villa im Internet). Stand zwar unter Denkmalschutz, aber wen kümmert das? Das verschiebt den Baubeginn um ein Jahr, und die Konventionalstrafe wird auf die Mieten in den beiden potthäßlichen Neubauklötzen aufgeschlagen, die anstelle des schönen Landhauses nun das Weserufer verunzieren. Später hat sich der Mann, der das Duckwitzsche Anwesen zerstört hat, als Bremens größter Kunstförderer und Retter der nach dem Krieg in die Sowjetunion gelangten Bilder der Bremer Kunsthalle inszeniert.

1848 schreibt Duckwitz an den königl. griechischen Marinekapitän Herrn Brommy einen Brief, die Bildung einer deutschen Kriegsmarine betreffend. Er bietet ihm im Namen der provisorischen Frankfurter Bundesregierung das Oberkommando an. Erst einmal mit dem Rang eines Kapitän zur See, zum Admiral kann man ja schlecht jemanden machen, wenn die Flotte noch kein einziges Schiff hat. Der in Anger bei Leipzig geborene Carl Rudolph Bromme hat seinen Beruf richtig gelernt, Hamburger Navigationsschule, dann auf Hamburger Seglern, danach in der amerikanischen Handelsmarine. Jetzt ist er offiziell noch bei der griechischen Marine, obgleich er nach der Revolution von 1843 auf Halbsold gesetzt ist. Als er da 1827 als Leutnant anfing, hatte er noch unter dem sagenumwobenen Lord Cochran gedient, der das Vorbild für die Seeromane von C.S. Forester und Patrick O'Brian gewesen ist.

Als er bei der amerikanischen Marine war, hat Bromme seinen Namen in Brommy geändert, das klingt richtig englisch. Und unter dem Namen ist auch 1848 sein Buch Die Marine erschienen, das im 19. Jahrhundert ein viel gelesenes Standardwerk wurde. Man kann es als Reprint heute immer noch kaufen. Der Seezeugmeister der Nordsee, so sein offizieller Titel, baut für den Deutschen Bund in kürzester Zeit eine kleine Flotte auf. Die Schiffe werden aus England gekauft, Marineoffiziere und Unteroffiziere werden aus Amerika, England und Belgien angeworben. Die Mannschaften kommen aus Deutschland, nachdem man ihnen versichert hat, dass der Dienst in der Flotte des Bundes auf die Zeit der Wehrpflicht angerechnet wird. Es wird 1849 auch eine kleine Seeschlacht mit den Dänen vor Helgoland geben, die allerdings mit Abukir oder Trafalgar nicht zu vergleichen ist.

Das Seegefecht, das unentschieden ausgeht, wird durch die englischen Kanonen auf Helgoland beendet. Man teilt den Deutschen mit, dass sie unter einer Piratenflagge segeln. In der Euphorie des Flottenaufbaus hatte die Frankfurter Bundesregierung vergessen, den Engländern mitzuteilen, dass man jetzt mit Schwarz-Rot-Gold eine neue Flagge besitzt. Der Deutsche Bund gibt sein neues Spielzeug Flotte schon 1852 auf, viele Einzelstaaten sind nicht mehr bereit, sie zu finanzieren. Und Preußen will längst unter dem Prinzen Adalbert eine eigene Flotte aufbauen. Im Juli 1852 beginnt der oldenburgische Staatsbeamte Dr. Hannibal Fischer, ein Reaktionär reinsten Wassers (so die liberale Presse), mit der Versteigerung der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Nach einem Jahr ist er damit fertig. Der letzte Gegenstand, der unter den Hammer kommt, ist ein Holzsarg. Rudolph Brommy hatte die traurige Pflicht gehabt, all das, was er in kürzester Zeit aufgebaut hat, jetzt wieder abzuwickeln. Er tut das mit peinlich genauer Pflichterfüllung, kümmert sich noch um das Wohlergehen des letzten Matrosen. Aber die Flagge von seiner Barbarossa, die gibt er nicht zurück, die behält er. Sieben Jahre später wird sie seinen Sarg bedecken.

Man befördert Brommy zum Contre-Admiral, zahlt ihm eine Abfindung von 2.500 Talern und setzt ihm eine kleine Pension aus. Aber er hat reich geheiratet und verbringt seinen Lebensabend in einer Villa an der Lesum. Da gibt es am Lesumufer heute noch einen Admiral Brommy Weg. Wäre Brommy ein Engländer gewesen, es gäbe Bücher und Romane über ihn, die Engländer lieben ihre Seehelden. Aber hierzulande gibt es so gut wie nichts, außer einem kleinen netten Büchlein eines Amateurhistorikers namens Claus Uhlrich. Der überzeugte Demokrat Brommy wird nicht zu einem deutschen Helden. Für den Marschendichter Hermann Allmers, der auch ein alter 48er Revolutionär ist, ist Brommy aber ein zu Unrecht vergessener Held. Und so sorgt er nach Brommys Tod für ein Ehrenmal, auf dem seine Verse stehen:

Karl Rudolf Brommy ruht in diesem Grabe
Der ersten deutschen Flotte Admiral
Gedenkt des Wackren und gedenkt der Tage,
An schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung,
Und - welche Wendung dann durch Gottes Fügung.

Die letzte Zeile, aus der sich die Wandlung des 48er Revolutionärs Allmers zum Bismarckanhänger ablesen lässt, hatte Allmers erst nachträglich hinzugefügt. Eigentlich sollte das kleine Gedicht mit der Erinnerung an die Revolution, an schöner Hoffnung reich und bittrer Täuschung, enden. 150 Jahre ist Carl Rudolph Brommy nun tot, aber so weit ich sehen kann, hat es keine großen Gedenkfeiern gegeben. Als Admiral Nelson 200 Jahre tot war, wurde das in England mit einer großen Zeremonie gefeiert (➱BBC). So etwas kriegen wir hier nicht hin, wahrscheinlich hat der Verteidigungsminister Herr von und zu Guttenberg von dem Demokraten Brommy noch nie etwas gehört. Hätte er wirklichen Stil und nicht nur stilvolle Anzüge, dann hätte er am 9. Januar einen Gedenkkranz unter Allmers' Verse gelegt. 

Bundesmarine


Mit gefällt (fast) alles, was Sie schreiben. Nur mit der Marine sind wir über Kreuz, aber was kann ich schon von einem “unedlen Grau des Feldes“ erwarten, schrieb mir ein Freund. Er spielte darauf an, dass ich in meinem Blog gelegentlich (wie zuum Beispiel in den Posts Unsere Marine und Minen) leicht gehässige Bemerkungen über die Bundesmarine gemacht habe. Ich muss das relativieren und erklären, ich fange mal mit diesem Schiff hier an. Sieht aus wie die Gorch Fock (die hier schon einen Post hat), segelt aber unter amerikanischer Flagge. Die USCGC Eagle kam an diesem Wochenende in Kiel an und lag auf dem Stammplatz der Gorch Fock.

Das Segelschulschiff der Bundesmarine war 1958 vom Stapel gelaufen. Die 14-jährige Ulli Kinau taufte das Schiff auf den Namen ihres Onkels Johann, der unter dem Künstlernamen Gorch Fock berühmt geworden war. Und das Ganze auf Platt: Boben dat Leben steiht de Dod, aber boben den Dod steiht wedder dat Leben. Ick döp di op den Naam 'Gorch Fock'!" Die Feier wurde allerdings davon überschattet, dass ein Jahr zuvor der Großsegler Pamir untergegangen war (lesen Sie dazu mehr in dem Post Wetter). Diese Gorch Fock ist genau genommen die Gorch Fock II, ihr Schwesterschiff liegt im Hafen von Stralsund.

Die Gorch Fock, die zwanzig Jahre jünger ist als die USCGC Eagle, segelt zur Zeit nicht. Sie liegt in Elsfleht und verbirgt sich unter den Tarpaulinmassen hinter Ursula von der Leyen. Sie ist für die Bundesmarine das Äquivalent zum Flughafen BER. Reden wir lieber nicht über den Skandal mit der Werft in Elsfleth, der den Steuerzahler Millionen kostet. Fragen wir uns lieber, warum die USCGC Eagle, die bei Blohm und Voss als Horst Wessel gebaut wurde, schwimmt und die Gorch Fock nicht. Auch die Eagle ist in den letzten Jahren in der Werft gewesen, allerdings in einer Werft, die der US Coast Guard gehörte. Da hat man Kontrolle über das, was man macht. Die vierjährige Überholung soll 28 Millionen Dollar gekostet haben, die Kosten für die Gorch Fock werden inzwischen auf 135 Millionen geschätzt.

Die Bundesmarine beschäftigt zur Zeit einen Admiral, vier Vizeadmiräle, neun Konteradmiräle und 18 Flotillenadmiräle. Hätte man nicht ein paar von denen nach Elsfleht schicken können, um die Reparaturarbeiten an der Gorch Fock zu überwachen? In dem Post Admiräle habe ich geschrieben: Echte Sorgen mache ich mir nicht, es gibt eh zu viele von der Spezies Admiral. Das hat Cyril Northcote Parkinson, dem wir die schöne Biographie The Life and Times of Horatio Hornblower und ein halbes Dutzend Seeromane verdanken, schon in seinem Buch Parkinson's Law bewiesen. Das von ihm gefundene Gesetz über die Vermehrung der Beamtenstellen kennen wir alle aus dem alltäglichen Leben. Parkinson nahm in seinem Buch dafür Statistiken der Royal Navy als Beispiel. Im Jahre 1914 hatte England 62 Schlachtschiffe, Panzerkreuzer und Kreuzer, die von 2.000 Beamten in der Admiralität verwaltet wurden. 1928 waren es nur noch zwanzig Schiffe, aber es gab mittlerweile 3.569 Beamte. Auch heute hat sich das Missverhältnis nicht geändert: vor drei Jahren kamen auf 19 einsatzfähige Kampfschiffe vierzig Admiräle und 260 Kapitäne. Man fragt sich bei solchen Zahlen immer wieder: was machen die alle?

Lassen wir mal den augenblicklichen Zustand der Bundesmarine weg, ich muss weiter zurückgehen, um meine leichte Aversion gegen die Marine zu erklären. Niemand aus meiner Klasse ist zur Marine gegangen, selbst Dirk H. nicht, dessen Vater in dritter Generation eine kleine Werft besaß. Manche verweigerten den Wehrdienst, andere wie Gert Börnsen zogen nach Berlin, um der Einberufung zu entgehen. Der Rest ging zum Heer oder zur Luftwaffe, aber nicht zur Marine. Sie besaß kein Ansehen. In dem kleinen Kaff, aus dem ich komme, arbeiteten Werften wie Lürssen und Abeking und Rasmussen damals für die Bundesmarine. Bauten Schnellboote, den Tender Neckar, Korvetten und solche Dinge. Aber die Werftarbeiter ließen die jungen Marineoffiziere nicht ans Ruder, wenn es um schwierige Manöver ging. Nicht solange das Schiff noch nicht abgenommen war. Kapitän Ernst Biet hat mir mal erzählt, dass er bei der Übergabe eines Schiffes an die Bundesmarine sofort auf dem begleitenden Schlepper war, wenn der Kaleu das Schiff übernommen hatte. Und es kurz danach mit Aplomb in Bremerhaven gegen die Columbuskaje setzte.

Ich wäre dazu prädestiniert gewesen, die Marine zu lieben. Unserem Haus gegenüber stand eine Villa, auf deren Steintafel über dem Eingang stand: Auf diesem Landsitz wohnte Arnold Duckwitz 1802 bis 1881 Bürgermeister von Bremen 1848 Reichshandelsminister in Frankfurt a.M. Gründer der ersten deutschen Reichskriegsflotte. Ohne Duckwitz, der Rudolf Brommy zum esrten deutschen Admiral machte, hätte es die deutsche Marine vielleicht nicht gegeben. Es wäre ein Grund für die Bundesmarine gewesen, bei Jubiläen mal eben eine Abordnung von Marinesoldaten vor die Villa zu stellen. Bei der Royal Navy hätte man so etwas gemacht. Wir aber haben keine Traditionspflege, das ist zu bedauern.

Meine Eltern waren mit vielen Kapitänen befreundet. Die eigene Schiffe hatten oder wie Ernst Biet Ozeanriesen des Norddeutschen Lloyds befehligten. Master next to God. Beinahe alle Kapitäne, die meine Eltern kannten, waren im Zweiten Weltkrieg Marineoffiziere gewesen. Hermann Bögel hatte ein Ritterkreuz bekommen, hat das aber nie erzählt. Hein Janssen (den ich mal in der Nacht von Holland nach Bremen fuhr) war auf dem U-Boot U 55 gewesen und in englische Kriegsgefangenschaft geraten. In den fünfziger Jahren bekam er sogar einmal Besuch von Admiral Dönitz, Traditionspflege der anderen Art. Dönitz wusste, wo Vegesack war, schließlich waren hier auf dem Bremer Vulkan seine U-Boote gebaut worden.

Ernst Biet, der schon im Ersten Weltkrieg auf U-Booten gefahren war, kommandierte im Zweiten Weltkrieg als Kapitän zur See der Reseve den Minenleger Ulm (hier mit Tarnanstrich), der von der HMS Onslaught versenkt wurde. Biet war der letzte, der von Bord ging, aber der erste, den die Engländer auffischten. Er hatte ja noch versucht, der HMS Onslaught zu entgehen und sogar die amerikanische Flagge hissen lassen, um die Engländer zu täuschen. Über das Schiff und die Besatzung war er nicht glücklich, der Minenleger Ulm war nämlich eigentlich ein Bananenfrachter, der in kürzester Zeit zu einem Behelfskriegsschiff umgebaut worden war.

Bis auf den Kap Hornier Hugo Gottsmann, der ein Schulschiff kommandierte und mir das Segeln beibrachte, der ein wenig verschlossen war, haben mir diese Männer, deren ganzes Leben die See war, vieles erzählt. Sie erzählten diese Geschichten nicht jeden Tag, sie prahlten nicht mit ihrem Krieg. Wenn ich daran zurückdenke, klang manches wie eine Lebensbeichte. Ein Versuch, einem Jüngeren diese Vergangenheit zu erklären. Ich weiß es nicht. Ich ging bei ihnen ein und aus und durfte auch mal auf ihren Schiffen mitfahren, was eine tolle Sache war, wenn man jung ist. Aber es hat mich nie zur Marine gezogen, darüber habe ich wohl schon etwas gesagt, als ich über Schnellboote schrieb. Ich glaube da steht auch drin, dass bei dem einzigen Mal, als ich auf einem Minenräumer mitgefahren bin, ein junger Leutnant zur See das Ding in Bremerhaven mit einem Krach gegen die Hafenmauer gesetzt hat. Nach dem, was mir Käpt'n Biet zuvor über die mangelnden nautischen Fähigkeiten der jungen Bundesmarineoffiziere erzählt hatte, fand ich das ganz passend.

Ernst Biet, der Charatan Pfeifen rauchte, weil er Dunhill zu prollig fand, hatte für die Bundesmarine kein gutes Wort übrig. Die Kapitäne Hein Janssen, Hermann Bögel und Jan Kampen auch nicht. Mit ihren Meinungen bin ich aufgewachsen, und wenn ich mich umschaute, gab es nichts, was der Bundesmarine einen Glanz verlieh. Und deshalb mache ich manchmal spöttische Bemerkungen. Was einem heute natürlich, wenn man an die Einsatzfähigkeiten von U-Booten, Fregatten und der Gorch Fock denkt, ganz leicht fällt.


Mit siebzehn


Ich habe in einem Bericht über die Jugendarbeit der Vegesacker Gemeinde von dem inzwischen auch schon pensionierten Pastor Ingbert Lindemann das Bild eines unbekannten Photographen (das könnte unser Diakon Klaus Nebelung gewesen sein) gefunden. Da sind wir, an einem schönen Sommertag, vor dem gerade renovierten Gemeindehaus, Kirchheide Nummer 18. Elf junge Frauen, drei junge Männer, Teile der sogenannten Jungen Gemeinde, die sich durch das Alter vierzehn bis siebzehn definiert. Viele auf diesem Bild sind schon in diesem Blog erwähnt worden, sie wissen es bloß nicht. Ich bin auch auf dem Bild, ganz oben in der Tür, der einzige, der einen Schlips trägt. Das haben Sie sich natürlich auch so gedacht, dass Jay einen Schlips trägt. Mit siebzehn. Ich trage auch einen hellgrauen Pullunder. War damals Mode, auf jeden Fall in französischen Filmen. Der Konny neben mir trägt keinen Schlips, der muss zur Strafe den Rest seines Lebens dunkle Anzüge und Schlipse tragen, weil er Staatssekretär sein wird und höchste Richterämter innehaben wird. Werner hat wenigstens ein Jackett an, er darf den Schlips weglassen, weil er der beste Fußballer von uns Straßenfußballern auf dem Sedanplatz war.

Mit siebzehn hat man noch Träume, sang Peggy March 1965. Hier auf diesem Photo sind wir alle siebzehn, aber Peggy March singt noch nicht. Ist auch noch keine siebzehn.  Haben wir wirklich Träume? Der Zweite Weltkrieg liegt fünfzehn Jahre zurück. Viele Väter sind gefallen oder sind Kriegsversehrte wie mein Vater. Viele Häuser sind zerstört. Wir sind irgendwie durch die Nachkriegszeit gekommen. Leicht unterernährt (zu Hause gibt es diesen scheußlichen Lebertran, auf den die Eltern schwören), mit immer kratzigen Wollsocken und immer kratzigen Pullovern. Aber es gab Schulspeisung, dafür hatten die Amerikaner gesorgt. Ich nahm immer Kakao.

Und man musste alle Monate zur Reihenuntersuchung oder Impfung zum Gesundheitsamt. Wegen der gefürchteten Tbc oder anderer Krankheiten, die etwas mit dem Mangel zu tun hatten. Stundenlang in Unterwäsche oder Turnzeug barfuß auf den kalten Gängen stehen. Ich kannte das Wort entwürdigend damals noch nicht, aber das war es: entwürdigend. Die meisten Ärzte des Ortes wohnten in unserer Straße, sie hatten schon schnell nach dem Krieg ein Auto. Die meisten hatten einen schwarzen Mercedes, der Röntgenologe besaß sogar ein Mercedes Coupé. Die Ärzte im Gesundheitsamt hatten keine Autos, bestenfalls einen Volkswagen. Wahrscheinlich hassten sie deshalb die Kinder. In manchen Träumen stehe ich noch immer auf kalten Fluren und warte darauf, dass ich an die Reihe komme. Das klingt ein wenig kafkaesk, aber es ist so.

Wir hatten Glück auf der Volksschule, wir hatten gute Lehrer. Es hätte anders kommen können. Ich will nicht wieder den schönen Satz zitieren, dass auch schlechte Lehrer eine gute Schule sind. Die Ute, die unten links sitzt, mochte Frau Alexandru besonders, weil die eine Heimatvertriebene wie sie war. Ich habe das lange nicht begriffen, wie entwurzelt die Flüchtlinge waren. Schwarze Löcher in der Seele. Ich mochte meinen Klassenlehrer Herrn Blume und meine blonde Englischlehrerin aus St. Magnus. Den Musiklehrer Herrn Muschalek (auch ein Heimatvertriebener) hasste ich. Wir Jungens hatten immer Angst, dass wir nach vorne kommen müssten und vorsingen müssten. Da waren wir dankbar, dass die blonde Annegret mit glockenklarer Stimme in jeder Stunde einmal You are my sunshine singt. Ich konnte Noten lesen, weil mein Opa mir Klavierunterricht gab, und ich habe ein sehr gutes Gehör. Aber ich konnte nicht singen. Die Ingrid, die oben in der Mitte mir nahe steht, konnte schön singen. Ich habe das schon in dem Post Mein Dänemark geschrieben:

Wir sind jetzt achtzehn, und das hier um uns herum ist die ideale Landschaft für einen Sommerflirt, aus dem mehr werden könnte. Und auch Begegnungen in Kirchen haben jetzt ihren Reiz. Ingrid singt mir in einer verlassenen Kirche, in die schon Gras und Unkraut hineinwachsen, Summertime vor. Nur für mich. Um die Akustik der kleinen Kirche zu testen. Sie kann wunderschön singen. Aber ihr Summertime klingt anders als das, das Ute damals in der Nacht in der Strandlust gesungen hat. Hier im von huschenden Sonnenfetzen beleuchteten weißgekalkten Raum hat die Melodie eher die Qualität von sakraler Musik. Summertime, and the living is easy. Getrennt von der Welt da draußen, die heute kein wirklicher Sommertag ist. Aber ich weiß schon, dass dies ein kleines Geschenk an mich ist. Dass sie jetzt nur für mich singt, in dieser kleinen Kirche, die sich auf der Düne festkrallt wie das Gras und die verhungerten Kiefern. Auf der Nordwestseite liegen die Butzenscheiben schon unter einer Sandschicht.

Wenn dies ein Wunschkonzert wäre, würde ich mir jetzt von ihr I skovens dybe stille ro wünschen, das man uns im Gemeindehaus von Nyköbing beizubringen versuchte. Aber man kann nicht alles haben. Die Augenblicke von großer Nähe und Vertrautheit, an denen ich ihr morgens das Butterbrot schmiere, wechseln ab mit Tagen von großer Fremdheit, there ain’t no cure for the summertime blues. Sie weiß auch nicht so recht, was sie will. Sie hat jetzt, wie beinahe alle Achtzehnjährigen, Ärger zu Hause mit ihren Eltern, Taschengeldkürzungen, Ausgehverbot, es ist ein Wunder, dass sie überhaupt mitfahren durfte. Wir werden diesen Sommer nebeneinander hergleiten, uns suchen und nicht suchen. Sie weiß nicht, dass ich Gedichte über sie schreibe. In der Ersatzwelt, die uns heute das Internet bietet, kann ich bei YouTube jeden Tag I skovens dybe stille ro hören. Ergreifend gesungen von einer Dänin namens Anette Kruse in ihrer Küche. Ein kleines Stück von der Jugend kommt immer wieder zurück. Wenn auch in ganz anderer Form.

Der Post Mein Dänemark hatte gewisse literarische Ambitionen, ich weiß nie, in welchem Stil ich schreiben sollte. Als in der Schule Besinnungsaufsätze gefordert wurden, schrieb ich Essays. Mein Deutschlehrer hasste mich dafür. Als ich Wissenschaftler war, schrieb ich wissenschaftlich, aber meistens doch nicht. Der geforderte wissenschaftliche Stil ist etwas für nerds, das wollte ich nicht sein. Doch alle Redaktionen von wissenschaftlichen Zeitschriften und alle Verlage nahmen das, was ich schrieb. Jay schreibt immer gut, hat ein Herausgeber einer Zeitschrift gesagt. Ich habe gefragt, ob ich das schriftlich bekommen könnte. Kriegte ich, von vier Herausgebern unterschrieben. Ich habe kurz überlegt, ob ich es an meine Bürotür kleben sollte, habe es aber gelassen. Da klebte schon Montaignes Satz Que sais je?

Das ist das Schöne an einem Blog, ich kann schreiben, was und wie ich will. Niemand von uns auf dem Photo oben ist Schriftsteller geworden. Ich habe zwar damals angefangen, Romane zu schreiben, die aber alle spätestens nach zehn Seiten in einem Mäppchen verschwanden. Zu romantisch, zu larmoyant. Als ich viele Jahre später Uwe Johnsons Roman Ingrid Babendererde las, wußte ich, dass das der Roman war, den ich hätte schreiben wollen. Nicht nur, weil die Heldin Ingrid hieß. Vielleicht sollte ich sprachlich mutiger sein. Sollte etwas wagen. Auch sprachlich. Ich erkenne gute Literatur, wenn ich sie sehe. Also Sätze wie: Gott gibt mir nicht den Himmel wieder. Er gibt uns keine Kneipe. Er bestraft nicht die Sünder, füttert nicht Schokolade noch Kuchen. Liest nicht vor. Er läßt das Bett kalt.

Wir werden jetzt langsam erwachsen. Zur Konfirmation hatten wir schon richtige Anzüge an. Und jetzt lernen wir tanzen. Bei Theodor Fontane sagt der Chinese: aber wir lassen es andere machen. Wir tanzen selbst und erlernen alle sogenanten Gesellschaftstänze, die man angeblich kennen muss: Walzer, Foxtrott, Polka, Rumba, Samba, Tango, Cha-Cha-Cha und Boogie Woogie. In der Tanzschule Nico Arff lernt man aber alles, damit man für den Abtanzball und das Leben gerüstet ist. Man lernt auch gute Manieren, wenn man das zuhause bisher nicht gelernt hat.

Gute Manieren sind jetzt wichtig in den Adenauerjahren, die deutsche Gesellschaft scheint davon besessen zu sein. Man will jetzt nicht noch einmal alles falsch machen. Die Manieren der bürgerlichen Mittelklasse werden nun zum Maßstab für das Leben. Das Buch von Adenauers Protokollchefin Erica Pappritz über den guten Ton ist jetzt ein Bestseller. Löst den guten alten Knigge ab. Dabei war der ja eigentlich Philosoph und kein Schreiber von Benimmbüchern. Man diskutiert überall über das Regelwerk von Frau Pappritz, in dem auch steht, wie häufig man die Klospülung betätigen darf. Die Deutschen haben ja immer noch diesen Hang, alles ordentlich zu reglementieren. Auf solchen Unsinn wäre der gute Freiherr nicht gekommen.

Die vom Krieg traumatisierte Generation nimmt das Buch offensichtlich dankbar hin. Ein halbes Jahrhundert später ist das schon anders, da wird gutes Benehmen in Bremen als Unterrichtsfach in der Schule angeboten. Das brauchen wir damals nicht, wir werden permanent erzogen, Großmütter haben ihre eigenen Benimmregeln, die sie uns beibringen. Mein Opa sowieso. Und das wird auch strikt durchgesetzt und eingehalten. Ich halte mich noch heute daran. Ich werde in meinem Leben eine Vielzahl von Büchern lesen, die das bürgerliche Leben beschreiben, und in vielen erkenne ich meine eigene Jugend wieder. Denn bis auf die ganzen Errungenschaften der Technik, die der Hausfrau das Leben einfacher machen, sind die fünfziger Jahre eigentlich die dreißiger Jahre. Da stehen geblieben, wo Hitler die Zeit angehalten hat.

Der Tanzlehrer Niko Arff hat ein Holzbein, aber er bewegt sich auf dem Parkett seiner Tanzschule sehr graziös. Beim Ausfallschritt des Tangos kann er das Bein hörbar schleifen lassen. Wir kennen uns in der Tanzstunde beinahe alle. Manche aus unserem Jahrgang sind nicht bei Niko Arff, weil ihre Eltern der Meinung sind, dass die noch zur Zeit des Kaisers gegründete Tanzschule Schipfer-Hausa in Bremen viel vornehmer ist als Niko Arff in Vegesack. Die so Ausgestoßenen gucken dann manchmal heimlich in der Dunkelheit von der Stadtgartenseite in den hellerleuchteten Saal von Niko hinein. Wie die kleine Meerjungfrau, um ein Gemeinschaftserlebnis betrogen.

Meine Mutter war vor dem Krieg auch bei Schipfer-Hausa. Vielleicht gab es da Niko Arff noch nicht, aber für mich war das keine Alternative. Ich gehe natürlich zu Niko, erstens ist es nur fünfzig Meter weit, und zweitens kann ich dann mit Ingrid tanzen, die auch in dem Kurs ist. Zum Abtanzball in der Strandlust kriege ich sie leider nicht zugelost, sondern eine Blondine aus ihrer Klasse, die aus Schönebeck kommt und furchtbar viel quasselt. Da muss man vorher noch einen Besuch bei den Eltern machen, mit Anzug, weißem Hemd, Schlips und Blumen. Obgleich ich sonst in meinem Leben keine Frauen vergessen kann, von ihr weiß ich nicht mehr, wie sie heißt. Ich weiß nur noch, dass sie in Schönebeck in der Wilden Rodung in der Nachbarschaft von Edu Schäfer wohnte.

Eigentlich sind wir ein schönes Paar gewesen, wenn ich das einzige Photo betrachte, das ich von diesem Abend kenne. Aber ich kann mich trotz des Photos nicht an ihren Namen erinnern. Wer immer gesagt hat, dass die Vergangenheit nur das photographische Negativ sei, das in der Gegenwart entwickelt wird, hier muß er sich getäuscht haben. Die jungen Frauen in ihren Abendkleidern und Cocktailkleidern (vorwiegend in hellen Farben, manche mit Blumenmustern) sehen sehr elegant aus. Alle kleine Ruth Leuweriks. Wir tragen dunkle Anzüge und weiße Hemden, Peter, Eberhard Petzold und Pussie Wawer auch eine silberne Schleife. Burchi Krusewitz und Eberhard haben haben in der Tanzstunde nicht aufgepasst und tragen Ringelsöckchen, die man eigentlich nicht auf einem Photo sehen will.

Von nun an wird getanzt, Abtanzbälle (man kennt immer eine junge Frau, die Abtanzball hat), Oberstufenbälle (auch die von anderen Bremer Schulen), Rudervereinsbälle. Später Bataillonsbälle (sehr förmlich), Theaterbälle (furchtbar vornehm und langweilig). Manchmal auch im Sommer auf dem Land, wenn in Ausflugslokalen die Musik aufspielt. In der Meierei im Bürgerpark, dem Gasthaus am Emmasee und Bruns Garten in Leuchtenburg gibt es das in den fünfziger Jahren noch. Das finde ich am Schönsten, doch es ist ein Vergnügen, das vom Aussterben bedroht ist.

Ich tanze gerne, ich kann mich auch gut bewegen und trete meiner Partnerin auch nicht auf die Füße. Mit Traute werde ich viel tanzen, auf ihrem Abtanzball (Schipfer-Hausa), ihrem Oberstufenball (Gymnasium an der Kleinen Helle, da kennt mich niemand). Einmal auch zu einem Ball in einer Tanzschule neben dem Theater am Goetheplatz. Da wird sie von einem Typ zum Tanzen aufgefordert, was mich furchtbar eifersüchtig macht. Eigentlich ärgere ich mich auch nur, weil der so einen eleganten dunkelbraunen Tonic Anzug trägt. Wo kriegt man so was her? Ich bin auch mit Traute bei vielen Parties, wir haben sonst nichts. Sie darf keinen jungen Mann nach Hause mitbringen, ihr Vater ist stockkonservativ. Wir knutschen draußen auf dem dunklen Friedhof.

Manchmal sitzen wir Abende lang in einer stilvollen Bar in der Bahnhofstraße zwei Häuser neben Schaper-Siedenburgs Hotel und gucken uns in die Augen. Die Bar hat sie ausgesucht, ich hätte nicht mal gewusst, dass es die da gibt. Wenn man aus Vegesack kommt, kennt man sich in der Welt der damals angesagten Gaststätten in Bremen-Stadt natürlich nicht aus. Na ja, von der Lila Eule hat man selbst in Vegesack schon gehört. Aber ohne Gudrun wäre ich nie im Kleinen Olymp oder im Kaiser Friedrich gelandet, denn wenn man mit den Eltern ausgeht, dann gibt es in Bremen nur drei Namen: die Bude von Keuneke an der Liebfrauenkirche für die schnelle Bratwurst, Hillmann oder Stecker fürs Kaffeetrinken. Oder das Essighaus, wenn man richtig essen will. Den Ratskeller, den ein Freund letztens als Frittenbude im Tiefparterre bezeichnete, überlassen die Bremer sowieso den Touristen.

In der Disco wird man eines Tages die Standardtänze nicht mehr brauchen (Boogie-Woogie ausgenommen). Dann bleibt einem nur noch ein Tanzverein, aber das ist mir irgendwie zu blöd, wegen des Tanzens in einen Verein zu gehen. In den frühen sechziger Jahren gibt es noch Festlichkeiten zuhause. Dafür werden bei uns in den Wohnzimmern die Möbel beiseite gerückt, Vatis Wartezimmer wird ganz leer geräumt, so wird das halbe Haus zur Tanzfläche. Die jungen Frauen tragen Cocktailkleider oder Twinsets mit Perlenkettchen, wir Anzüge und schmale Schlipse. Niemand trägt Jeans. Es geht alles sehr gesittet zu. Vor allem bei Gert von Arnim, wo der Vater nach dem Tod von Gerts Mutter eine adlige Hausdame eingestellt hat, die dafür sorgt, dass Anstand und Sitte nicht verletzt werden. In Adelskreisen weiß man noch, was sich gehört. Gerts Vater fährt einen schwarzen VW Käfer, das ist der Höhepunkt an Bremer Understatement. Dagegen ist der schwarze Bentley von Biggis Opa schon wieder prollig.

Aber neben dieser Form der Abendgesellschaft setzen sich jetzt Parties durch, etwas ganz Neues. Da braucht man keine große Tanzfläche mehr, weil da nur der ganz eng geklammerte Schmuseblues getanzt wird. Jeder bringt kleine Plastikalben mit Schallplatten und eine Flasche Rotwein mit. Man muss nur aufpassen, dass niemand die Platten auf dem Heizkörper ablegt, die Dellen kriegt man aus seinen Lieblingsplatten nie wieder raus. Meine kleine Sammlung habe ich immer noch, manche haben Rotweinflecken. Blueberry Hill ist dabei, Monty Sunshine, der Sidney Bechets Petite Fleur spielt, und alles was wir damals in abgedunkelten Räumen bei Kerzenlicht gehört haben. Wir haben jetzt einen Partykeller mit einer kleinen Bar, da wo nach dem Krieg unser Schwein und danach der Kohlenkeller war. Willy Mrowetz hat ihn mit weinglasschwingenden Mönchen und Bremer Motiven ausgemalt. Bei diesen Parties, die es jetzt überall geben wird, halten sich die Eltern mit ihrer Anwesenheit zurück, oder sie räumen diskret das ganze Haus. Wir sitzen auch nicht mehr auf Sesseln und Sofas, sondern liegen auf dem Boden und knutschen. Auf diesen Parties braucht man jetzt keine Standardtänze mehr.

Natürlich kann man die später noch brauchen, auf Hochzeiten, wenn die ersten von uns heiraten. Bei der von Volker und Chris bin ich mit Gudrun, die ein aufregendes Kleid trägt. Ich habe meinen scharfen italienischen Smoking an, bei dem der Schalkragen nur eine schmale Seidenkante hat. Der begleitet mich durch die sechziger Jahre, bis ich aus ihm herauswachse. Oder es keine Gelegenheiten mehr gibt, ihn zu tragen. Die Sixties achten ja nicht so sehr auf bürgerliche Förmlichkeiten. Aber ich trauere dem immer noch nach, dem Smoking der italienischen Firma Sidi und den Förmlichkeiten. Die Firma Sidi gibt es auch nicht mehr. Von Zeit zu Zeit tauchen bei Ebay noch scharfe Sidi Anzüge unter der Kategorie Retro auf. Wenn man lange genug wartet, wird alles Retro.

Willi Vogel


Dieses charmante Bild von Willi Vogel war hier schon einmal zu sehen. Ich hatte die impressionistisch angehauchte Vegesacker Strandpromenade in dem Post über den Bremer Architekten ➱Ernst Becker-Sassenhof abgebildet. Und hatte dabei erwähnt, dass ich ein Bild von dem Blumenthaler Maler Willi Vogel besitze. Als ich das schrieb, dachte ich mir, dass ich ja eigentlich auch einmal über Willi Vogel (1909-1987) schreiben könnte. Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete der Bremer Weser Kurier unter der Schlagzeile Willi Vogel - Maler der Stimmungen und der Fantasie über eine Verkaufsausstellung im Schönebecker Schloss. In dem kurzen Artikel stand der Satz Mit seinen zumeist landschaftlichen Motiven, Stimmungsbildern und Porträts gilt er als Nachfolger der 'alten Worpsweder'. Ähnliches findet sich auch auf der ➱Seite (die mit einem Link auch zahlreiche Abbildungen bietet) von Willi Vogels Nichte, die selbst Malerin ist. Dort wird er als einer der ganz großen romantischen Maler des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Ich kann das mit den alten Worpswedern nicht mehr hören. Kurz vor seinem Tode im Jahre 2009 galt ein Maler wie ➱Feodor Szerbakow alsder letzte noch lebende Altmeister in Worpswede. Dabei war der erst in den dreißiger Jahren nach Worpswede gekommen. Und hatte erst in den siebziger Jahren wieder mit dem Malen angefangen. Die Sache mit den alten Worpswedern wird der Presse wohl nur von den Galeristen eingeflüstert, weil es den Marktwert der Bilder erhöhen soll. Denn für die vielen Galerien in Worpswede und Fischerhude ist ja Worpsweder inzwischen ein sehr elastischer, inflationärer Begriff geworden. Und so kann man bei einer Galerie über Willi Vogel Sätze lesen wie: Nach Ansicht von Kunstsachverständigen stellen die Impressionen aus dem Teufelsmoor, Giehler Moor und den romantischen Gebieten rund um Bremen eine Bereicherung und Weiterentwicklung des schon klassisch gewordenen Stils der Worpsweder Altmeister dar. Wenn man Szerbakow und Vogel als Worpsweder Altmeister feiert, dann vergisst man eine ganze Generation von Malern, die in den zwanziger und dreißiger Jahren in Worpswede tätig waren. Wie zum Beispiel ➱Karl Arste, ➱Wilhelm Bartsch oder ➱Alfred Lichtenford (um nur drei Maler zu nennen, die auf der Wikipedia Seite Künstlerkolonie Worpswedenicht erwähnt werden). Bei denen für einen Augenblick - wie auch bei ➱Richard Oelze - aufblitzt, dass in Worpswede mal mehr war als nur Kunstgewerbe.

Viele Maler jüngerer Generationen können sich darauf berufen, einen alten Worpsweder gekannt zu haben, das macht sie offensichtlich auch schon zu alten Worpswedern. Wenn ich eine Tages aufhöre zu bloggen und anfange, Modersohns und Overbecks zu fälschen, kann ich auch auf eine Verbindung zur Worpsweder Malerei verweisen. Schließlich wurde ich in dem Krankenhaus geboren, in dem Otto Modersohn gestorben ist. Übrigens sind Worpsweder sehr leicht zu fälschen. Meine Mutter, Gott hab' sie selig, war eine Meisterin darin. Für sie war es aber keine Kunst, sondern ein Zeitvertreib. Der geneigte Leser wird diesen Zeilen entnehmen können, dass ich der Kunst der Worpsweder ein wenig skeptisch gegenüberstehe. Ich habe das schon in dem Post über ➱Heinrich Vogeler anklingen lassen.

Und es ist ja auch niemals so gewesen, dass Worpswede wirklich die Idylle gewesen ist, als die sie heute verkauft wird:Die traulichen Zeiten sind dahin, da man sich von lästigen, unsympathischen Kollegen zurückziehen konnte in die erhabene Stille der Natur, in das einzige Dörfchen. Zehn Maler wandern jetzt hier herum, oh, man möchte vor Wut und Abscheu selber fortziehen. Das ist kein Zitat von heute, das sagt Otto Modersohn 1894. Aber die Vermarktungsindustrie will den Markennamen Worpswede vermarkten, da stellt man solch lästige Fragen nicht. Da sind das eben alle alte Worpsweder.

Dass die Kunst der Worpsweder thematisch sehr begrenzt war, wussten sie wohl selbst. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Dies Bild mit den gutgewachsenen Birken ist natürlich kein Ulk, das ist ein Otto Modersohn.

In meinem Wohnzimmer hängt ein Bild des Blumenthaler Malers Willi Vogel, es hat mich mein Leben lang begleitet. Ich bin mit ihm aufgewachsen, es hat immer in meinem Zimmer in unserem Haus in Vegesack über meinem Bett gehangen. Für das Wohnzimmer, in dem echte Worpsweder hingen, schien es meinen Eltern wohl nicht präsentabel genug. Es ist ein Landschaftsbild, grüntonig wie ein ➱Wilhelm Trübner, das mehrere Weiden an einem Bach zeigt. Wolken, die Regen in sich tragen, über Wiesen und Äckern, widergespiegelt in dem kleinen Bach. Keine Kühe wie auf dem Bild oben. Es ist ein grauer, melancholischer Tag. Doch das Grau ist abgestuft in feinen Nuancen. Die satten Wiesen und das Bachufer sind mit einem energischen Pinselstrich gemalt. Je genauer man es betrachtet, desto mehr erkennt man in den Details des auf den ersten Blick unscheinbaren Bildes die Meisterschaft des Malers. Es muss aus den frühen fünfziger Jahren sein, als Vogel meiner Meinung nach seinen Höhepunkt als Landschaftsmaler hat. Es ist eigentlich, so unscheinbar es ist, eins der besten Bilder, das ich von ihm kenne.

1954 hatte er seine erste Ausstellung in Worpswede gehabt. Immerhin in der GalerieNetzel, der ältesten und renommiertesten Worpsweder Galerie. Aber richtig berühmt ist er im Alter geworden. 1981 hatte er als Geschenk an Blumenthal zusammen mit seiner Meisterschülerin ➱Eva die ➱Wandmalereien an der Rückwand des Blumenthaler Burgwall Stadions gestaltet (➱hier ein Ausschnitt). Im Herbst 1982 hatte er auf Einladung der Parlamentarischen Gesellschaft eine Ausstellung in Bonn. 1983, als er vierundsiebzig war, hat ihm Bundespräsident Karl Carstens auf Vorschlag des Bremer Bundestagsabgeordneten Horst Grunenberg das Bundesverdienstkreuz verliehen (es wurde ihm vom Bausenator Bernd Meyer im Haus Blomendal überreicht). Vielleicht bekam er es gar nicht einmal für seine Leistung als Maler, als eher für seinen Beitrag zur Aufrechterhaltung lebendiger Beziehungen zwischen Bürgern und Kunst. Damals gab es im Haus Blomendal eine große Ausstellung, dat slot Blomendale, das hier seit dem 13. Jahrhundert steht, war gerade frisch renoviert worden. Hier hatte Willi Vogel nach dem Krieg angefangen, als er sich in dem heruntergekommenen Gebäude einen Raum als Atelier gemietet hatte.

Weitere Ausstellungen in der Bundeshauptstadt  Bonn sollten folgen. Der Beauftragte Bremens im Bundesrat Wolfhart Chevalier hat einen Narren an dem Maler gefressen. Willi Vogel wird jetzt herumgereicht. Auf allen Photos (auf denen er immer, wie es sich für einen Künstler gehört, eine ➱Schleife trägt) wirkt er immer etwas verlegen, so als gehörte er nicht dazu. Ich hätte ihn auf den alten Photos beinahe nicht erkannt, weil ich ihn nie im Anzug, sondern immer nur im Malerkittel gesehen habe. Ein Regionalblatt feiert ihn jetzt als den letzten Worpsweder, den Rembrandt aus Blumenthal, den Mittler zwischen Realität und Phantasie. Jungredakteure schreiben ja viel wenn der Tag lang ist. Aber mir gefällt das Spätwerk gar nicht, die Grenze zum Kitsch ist hier sehr nahe. Um es zurückhaltend zu sagen.

Er malt in seine Bilder so ein visionäres inneres El Greco Leuchten hinein, aber El Greco kann das besser. Grelle Farben lösen die Farbpalette der Worpsweder ab, Landschaften werden dramatisch. Auch entstehen jetzt füllige nackte Blondinen, mehr gespachtelt als gemalt. In Hollywood würde so was bestimmt gut ankommen. Diese Heimkehr im Mondschein ist noch das Netteste von dem Kitsch der achtziger Jahre. Aber vergleichen Sie dieses Mondbild einmal mit dem thematisch ähnlichen Bild von ➱Albert Pinkham Ryder.

Oder mit dieser früheren Mondnacht, die viel besser ist. Willi Vogel hat als Maschinenschlosser auf dem Bremer Vulkan angefangen. Sein Vater ist Nietmeister gewesen, da muss der Sohn auch Vulkanese werden. Er will aber kein Schlosser sein, er möchte Maler werden. Er verehrt ➱Rembrandt (kann aber wohl nicht wissen, dass der Rembrandt in der Bremer Kunsthalle gar keiner ist). In den Hammewiesen, die eines Tages unser Paradies für das ➱Schlittschuhlaufen sein werden, hat er zu zeichnen angefangen. Der Maschinenbaumeister Geffken vom Bremer Vulkan glaubt daran, dass der Willi mal ein großer Maler wird. Und so hat er seinen Lehrling bei einem Ausflug nach Worpswede dem Maler Otto Modersohn vorgestellt. Bei dem Treffen soll Otto Modersohn angeblich gesagt haben Der Junge muss Maler werden. Er schreibt dem jungen Mann auch ein Empfehlungsschreiben. Das alles geschieht zu einer Zeit, als ein Bremer namens Adolf Ziegler (von bösen Zungen als ➱Reichsschamhaarmaler verspottet) der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste ist.

Der junge Willi Vogel spart jeden Pfennig, um sich ein Studium an der Buxtehuder Malerschule bei Albert Othmer zu ermöglichen. Othmer ist beinahe auch ein Worpsweder. Er war 1915 nach Worpswede gezogen, weil er sich zu der Malerkolonie hingezogen fühlte. Musste dann aber Soldat werden. Nach dem Krieg hat er an der ➱Hamburger Kunstgewerbeschule studiert und war 1925 Direktor der Malerschule in Buxtehude geworden. Willi Vogel wird angenommen, bekommt sogar einen Freiplatz, und belegt in der Abschlussprüfung den ersten Platz. Danach arbeitet er erst einmal als Dekorationsmaler. Bis ihn der Bremer Vulkan wieder zurückholt, es ist Krieg, Schlosser werden auf der Werft gebraucht. Nach dem Krieg wird Willi Vogel zwei Semester an der Bremer Kunstschule am Wandrahm studieren, dann landet er in der Privatschule von ➱Karl Kriete in Bremen-Lesum.

Der ist ein bedeutender Mann gewesen, hat in Essen die Kinder von Krupp im Malen unterrichtet. Er kommt beinahe aus dem gleichen Ort wie Willi Vogel (er wurde in Fähr geboren, Willi Vogel in Aumund), hatte in Düsseldorf studiert und war dann Professor an der Essener Folkwangschule gewesen. Er war in den dreißiger Jahren nach Worpswede gezogen, was für den Pazifisten (der im Ersten Weltkrieg als Sanitäter Dienst tut und im Zweiten Weltkrieg noch einmal eingezogen wird) auch eine Flucht vor den Nazis bedeutete. Wenn man Mitarbeiter der expressionistischen ➱Kunstzeitschrift Die rote Erde war, dann tarnt man sich jetzt besser. Die Herausgeber dieser Zeitschrift waren schnell in sogenannter Schutzhaft (wie Karl Lorenz) oder emigrierten (wie Rosa Schapiro). Und wenn man so etwas malt wie diesen Propheten, dann fällt man schon unter entartete Kunst. Krietes Bilder in der ➱Bremer Kunsthalle wurden 1937 beschlagnahmt, später beschlagnahmte die Gestapo auch seine Bibliothek in Worpswede. Nach dem Krieg hält er sich mit Arbeiten für das Bremer Theater und seiner Malschule über Wasser. Einen Antrag auf Anerkennung als Verfolgter des Nazi Regimes wird er - wie so viele Verfolgte - in den fünfziger Jahren vergeblich stellen. In der gleichen Zeit werden übrigens die Urteile gegen den Bremer Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aufgehoben. Justitia ist in jenen Tagen sehr blind.

1950 sagt Kriete zu Willi Vogel: Nun sind Sie aber endgültig fertig. Hat er das ironisch gemeint? Ich kann nicht sehen, dass der junge Willi Vogel viel von ihm gelernt hat. Ich habe frühe Bilder von Willi Vogel gesehen, für so was braucht man keinen Unterricht bei einem ehemaligen Professor der Folkwangschule. So etwas kann jeder, der nur halbwegs die Farben setzen kann. Aber natürlich hat Willi Vogel sich weiterentwickelt, mein Bild ist ein erheblicher Fortschritt gegen das Worpsweder ➱Bild mit der blühenden Heide ganz oben. Den Expressionismus seines Lehrers hat er nicht übernommen, er ist nicht wagemutig, die Moderne ist nichts für ihn. Er bleibt bei seinen Motiven aus der norddeutschen Heimat. Bleibt beim Wiedererkennbaren (wenn auch vieles davon wie die Vegesacker Strandpromenade da oben heute schon beinahe eine vergangene Welt ist): Worpswede, dem Teufelsmoor, der Schönebecker Aue und der Weser bei Rönnebeck.

In der Nachkriegszeit malt Willi Vogel gegen Naturalien den Bauern auf dem Land ihre Bauernhäuser. Meine Cousine hat von ihrem Großvater mütterlicherseits, der in der Nachbarschaft von Willi Vogel einen Bauernhof hatte, mehrere Aquarelle geerbt. Damit bezahlte der Künstler seine Kartoffeln. Wenn er in dieser Zeit mal richtiges Geld bekommt, stiftet er das für die schlesischen Flüchtlinge in Hiddigwaren und die ostpreußischen Flüchtlinge in Berne. Viel verdient hat er damals mit seiner Kunst nicht, da er viel für soziale Zwecke verwendet, er hatte ein erstaunliches soziales Bewusstsein. Er liebte die Gegend, in der er aufgewachsen war. Er hält auch Vorträge, um jungen Menschen den Blick für ihre nähere Heimat, deren Geschichte und landschaftliche Eigenart zu öffnen. Damals stand Heimatkunde ja noch im Programm der Volksschule und beinahe jeder Volksschullehrer war ein Lokalhistoriker, das ist heute alles verloren gegangen. Was für Willi Vogel ein ehrliches Empfinden war, sind eines Tages für eine ihn vermarktende Galerie nur noch Worthülsen: Durch die 'Worpsweder Impressionen' aus dem Teufelsmoor, dem Giehler Moor und den romantischen Gebieten rund um Bremen gelang es ihm, all das Schöne - das scheinbar verloren gegangen ist - neu zu wecken.

Er ist ein einfacher, stiller Mann gewesen, obgleich er bei Vorträgen gut reden konnte. Ich habe ihn mit meinen Eltern in den frühen fünfziger Jahren häufiger besucht. Ich durfte dabei immer im Atelier herumstöbern. Als junger Mann hatte er den Wunsch, Pferde zu malen. Ich bin nicht Realist, ich bin Romantiker, erzählt er den Journalisten, die das begierig mitschreiben. Nun malt er in den Jahren vor seinem Tod von innen leuchtende Phantasien nach Traumbildern. Wie Der Lebensmüde, den er 1985 ausstellt und der auf einen Traum zurückgeht, den er in seiner Jugend hatte. So sehr ich ihm seinen Erfolg in seinen letzten Jahren gegönnt habe, ich wünschte mir, er wäre mit seinem Malstil bei der ruhigen grünen Landschaft geblieben, die bei mir im Wohnzimmer hängt. Bei seiner Signatur ist er geblieben, die ist in allen Jahrzehnten die gleiche.

Kunstretter

In seiner Komödie Besucher läßt Botho Strauß seine Hauptfigur Karl Joseph sagen: In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt. Ich nehme an, dass Botho Strauß diese Stelle extra für seinen Hauptdarsteller Will Quadflieg geschrieben hat, denn der hatte sein Landhaus im Kirchspiel Lesum. Der kleine Ort ist jetzt also in der deutschen Literatur, aber da ist er schon länger. Das wissen Sie, wenn Sie den Post Sommer in Lesmona gelesen haben. Nach Lesum will ich heute noch einmal hin, denn da wurde der Mann geboren, über den ich heute schreibe, ein Maler und Schriftsteller, ein Organist und ein Kunstretter. Und so gut wie unbekannt. Ich lasse ihn noch einen Augenblick ohne Namen.


Wenn wir nach der Lektüre von Marga Bercks Roman Sommer in Lesmona den Ort Lesum mit Parks und Villen verbinden, dann müssen wir auch bedenken, dass es hier seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch Industrie gibt, eine Wollwäscherei, Zigarrenfabriken und eine Porzellanfabrik. Die von Bremer Kaufleuten gegründeten Fabriken siedeln sich hier an, weil der Ort nicht zu Bremen gehört. Das hat etwas damit zu tun, dass Bremen nicht Mitglied des Deutschen Zollvereins ist. Ich bleibe mal eben bei der 1872 gegründeten Wollwäscherei, die gegenüber des Burger Bahnhofs lag. Der Vater des bis jetzt anonymen Mannes (welcher 1923 dieses Bild malt) ist da nämlich der Direktor. Nicht der Besitzer. Der Vorstand der Firma ist George Alexander Albrecht, ein berühmter Mann. Er ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt. Zum Beispiel in dem Post Knoops Park, weil er eine Tochter des Barons Knoop geheiratet hatte. Er kauft sich in Leuchtenburg den Nachbau des irischen Lowther Castle, und wird dort mit seiner Familie wohnen. Sein Urenkel Ernst Albrecht wuchs hier auf. War mal Ministerpräsident von Niedersachsen. Und der Vater von Ursula von der Leyen.

Die Wolle zu waschen ist das eine, die Wolle zu kämmen das andere. Und so wird George Alexander Albrecht zusammen mit anderen Bremer Kaufleuten 1883 in Blumenthal (das damals noch nicht zu Bremen gehört) die Bremer Wollkämmerei (BWK) gründen. Einer der Gründer ist übrigens der Wollhändler Johannes Fritze, den kennen Sie aus dem Post die Villa Fritze. Die BWK, die einmal die größte Wollkämmerei der Welt war, ist inzwischen auch schon Geschichte. Die Nordwolle der Brüder Lahusen, die beinahe den Bremischen Staat ruinierten, auch.

Im damals nicht bremischen Lesum beginnt 1892 das Leben des Anton Hugo Körtzinger. Auf dem kleinen Fluß Lesum wird er als fünfjähriger Junge segeln, zur Freude seiner Mutter, deren Vater Kapitän eines Segelschiffs war. Den in Vegesack geborenen Kapitän Bernhard Gärdes, der mit der Bark Ocean Auswanderer nach New York und Baltimore schippert, hat der junge Hugo Körtzinger allerdings nicht mehr kennengelernt. Das Meer und die Seefahrt werden für ihn aber noch eine große Bedeutung haben. Nicht nur wegen des Bildes  Seemannsfrau mit Kind am Meer aus dem Jahre 1942. Denn 1931, als es dem jungen Maler wirtschaftlich schlecht geht, bekommt er eine Anstellung als Bordmaler beim Norddeutschen Lloyd.

In sechzehn Seereisen wird er um die ganze Welt kommen, hier hat er seine Staffelei in Spitzbergen aufgestellt. Er wird jetzt Bilder verkaufen, Aufträge bekommen, aber was noch wichtiger ist, er wird viele Freundschaften schließen. In den dreißiger Jahren ist viel Prominenz an Bord der Schiffe. Körtzinger hatte das Realgymnasium in Vegesack besucht, dieselbe Schule, die ich besuchte. Er ging wie ich in die Vegesacker Kirche, und er hat da mit zwölf Jahren begonnen, Orgel zu spielen. 1937 wird er sich eine Orgel kaufen, die er in seiner neugebauten Werkstatt in Schnega aufstellt.

In das kleine Kaff am Rande der Lüneburger Heide hatte es ihn verschlagen, denn Helene Peltret, die er 1914 geheiratet hat, kommt aus dem Ort. Er wird sie bei den meisten seiner Seereisen mitnehmen. Im Jahr seiner Hochzeit meldet er sich als Freiwilliger zum Militärdienst und landet bei der Reserve Ersatz-Eskadron des Kürassierregiments von Seydlitz in Halberstadt. Hat einen Reitunfall, der ihn davor bewahrt, den wirklichen Krieg kennenzulernen und wird aus gesundheitlichen Gründen vor dem Kriegsende entlassen. Er bleibt in Schnega, behält aber sein Bremer Atelier, bis das im Zweiten Weltkrieg zerstört wird.

Zwei Ehepaare auf dem Markusplatz in Venedig, sie sind auf einer Kreuzfahrt eines Lloyd Dampfers hier angekommen. Die Herren haben Tauben auf dem Hut. Links sehen wir den Bordmaler Hugo Körtzinger, der Herr rechts wird für den Künstler immens wichtig. Er heißt Hermann Fürchtegott Reemtsma und ist Millionär. Unser Künstler hat ihn auf einer Schiffsreise kennengelernt, jetzt sind die beiden befreundet. Sie werden zeitlebens befreundet bleiben. Reemtsma wird zum wichtigsten Mäzen des Malers. Dank seiner finanziellen Zuwendungen kann Körtzinger sich in Schnega ein Studio neben seinem Haus bauen und sich eine Orgel kaufen.

Aber er tut auch viel für Reemstma, er wird der wichtigste Kunstberater des Hamburger Millionärs. Seine Leistung beim Aufbau der Kunstsammlung Reemtsmas wird heute noch auf der Seite der Reemtsma Stiftung gewürdigt. Auf diesem Bild vom August 1934 umrahmen Körtzinger und Reemtsma den Bildhauer Ernst Barlach. Im Hintergrund ist der noch unvollendete Fries der Lauschenden zu sehen. Körtzinger, der dank der Hinweise des Bremer Bildhauers Dietrich Kropp schon früh Barlachs Werk kannte, hatte den Künstler und den Sammler zusammengebracht. Reemtsma wird zu einem Mäzen Barlachs: Ich bin Ernst Barlach nie anders begegnet als mit großer Ehrfurcht vor seiner Kunst. Ich bin 1934 zu ihm gefahren, weil mich seine Kunst, der ich erst zwei Jahre zuvor bewusst begegnet war, anging. Alles Weitere, was daraus erfolgte, war innere Verpflichtung und hat nichts mit Mäzenatentum zu tun, hat Reemtsma 1948 geschrieben.

Mit den Nationalsozialisten hatte Körtzinger nichts am Hut, er notiert 1933 in seinem Tagebuch: Dieser Quacksalberpolitiker ...  fürchterlich, daß ein solcher Mann in Deutschland Reichskanzler werden kann. Er betrachtet mit Sorge, wie Barlach angefeindet wird, seine Kunst plötzlich zu entarteter Kunst oder Verfallskunst wird. Nach Barlachs Tod wird Körtzinger eine kleine Schrift mit dem Titel Freundesworte: Ernst Barlach zum Gedächtnis herausgeben. Er wird bei der Beerdigung Barlachs ein plattdeutsches Gedicht vortragen, das mit den Versen Ligg Du man sachten, swig still, / lat spöken dar buten, wat will! beginnt. Körtzinger hat Joseph Goebbels mit einem Telegramm vom Tod Barlachs informiert, ich weiß nicht, ob das eine rührende oder eine ironische Geste ist. Er wird nach dem Tode Barlachs dafür sorgen (und das wird er Goebbels niemals mitteilen), dass zwei von Barlachs Werken der Vernichtung durch die Nazis entgehen. Der Güstrower Schwebende Engel wurde zwar eingeschmolzen, aber den Nachguss vom Originalmodell hütete Körtzinger auf seinem Hof in Schnega. Das hier ist der Kieler Geistkämpfer, wie er seit 1954 vor der Kieler Nikolaikirche steht.

Im Jahre 1948 sieht der Geistkämpfer so aus. Zersägt, zerlegt, in Holzkisten verpackt, hat er den Krieg auf Körtzingers Hof überstanden. Ernst Barlach ist 1938 gestorben, er hat das nicht mehr erfahren, dass Körtzinger zwei seiner Hauptwerke gerettet hat. Die Bronzegießerei Hermann Noack aus Berlin, die 1928 den Geistkämpfer gegossen hatte, restaurierte in den fünfziger Jahren die Teile im Innenhof des Kieler Rathauses. Wenn sich der Oberbürgermeister Andreas Gayk, der Kiel nach dem Krieg wiederaufbaut, nicht für den Ankauf der Statue eingesetzt hätte, stände sie wahrscheinlich immer noch in der Lüneburger Heide. Wahrscheinlich hat der Schäferhund von Körtzinger da auch mal dran gepinkelt.

Das Wikipedia Lexikon hat für mein Gymnasium eine Internetseite auf der es auch eine Kategorie für berühmte ehemalige Schüler gibt. Jürgen Trittin ist dabei und manche meiner Mitschüler, die hier schon im Blog vorkommen (wie Charlie Kottkamp, Claus Jäger oder Bernd Neumann). Aber der Name Hugo Körtzinger fehlt in dem Artikel. Wer immer diese Liste aufgestellt hat, wusste wahrscheinlich nicht, dass es diesen wirklich bedeutenden Mann gibt. Doch der Maler und Kunstretter ist nicht ganz vergessen, es gibt einen Förderverein Hugo Körtzinger, und die Werkstatt in Schnega ist mit Mitteln der Reemtsma Stiftung renoviert worden und kann besichtigt werden.

Postscriptum: Professor Arne Körtzinger, der der Großneffe von Hugo Körtzinger ist, hat mir eine nette Mail geschrieben und mir gesagt, dass er dafür gesorgt hat, dass Hugo Körtzinger jetzt auch auf der Seite des Gerhard Rohlfs Gymnasiums unter den berühmten Schülern steht. Ich stehe da übrigens auch auf der Liste.

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